Grundlagen

„Gewohnheit ist König über den Verstand“. Dieses alte Sprichwort sagt es kurz und knackig. Nur, weil man etwas gewohnt ist und aufgehört hat, darüber nachzudenken, ist es noch lange nicht richtig. Aber es ist bequemer, das Gewohnte fortzuführen.

Mittelwertige Gesichtsbögen sind in ihrer Anwendung derart bequem, dass wir darüber um den Sinn der Modellübertragung in den Artikulator vergessen haben und ebenso um die Fragen, die diesen Vorgang nach wie vor umgeben. Wir nennen diese Übertragung „schädelbezüglich“ und damit ist es gut. Punkt.

Allein, sie ist eine Quelle für diverse Fehler, die man nicht findet, wenn man an anderer Stelle sucht.

Bis man den Sinn des Physio-Logic Artikulators verstehen kann, muss man in vielen Dingen umgedacht haben und lange Geglaubtes neu hinterfragen. Als Einstieg sollen hier einige Artikel helfen, die ich in der Quintessenz Zahntechnik, sowie im MYOBYTE veröffentlicht habe. Vorher moch sollte man sich aber mit einigen Gedanken zur Referenzebene vertraut machen. Bei der weitverbreiteten Anwendung von Mittelwert-Gesichtsbögen „entsteht“ quasi eine Referenzebene automatisch und es ist leicht, aus den Augen zu verlieren, worum es hier wirklich geht. Und es ist trotzdem sehr wichtig, denn im Grunde geht es um nicht weniger, als die Gleichschaltung der prinzipiellen Bewegungsrichtungen zwischen Patient und Artikulator und das funktioniert keineswegs automatisch richtig! Fehler, die man bei diesem Schritt einbringt, können aber auchbei den aufwändigsten Artikulatoren nicht mehr nachträglich durch irgendwelche Einstellungen ausgeglichen werden – nur der Patient kann sie vielleicht kompensieren, indem er sein Bewegungsmuster so umstellt, dass er Störkonturen aus dem Weg geht.


Dieser im Jahr 2010 erschienene Artikel beschreibt eine Übertragungstechnik für die Modelleinstellung, an der ich seit den frühen 90er Jahren arbeite. Koautor war ZTM Plaster, der die Bilder beisteuerte. Während mein Fokus auf der Gleichschaltung der Funktionsbewegung zwischen Patient und Artikulator gelegen hatte, war durch ihn ein neuer Aspekt hinzu gekommen: Die bessere Kontrolle der Ästhetik bei der Anfertigung dentaler Rekonstruktionen, die mit dieser Modellanordnung erreicht werden kann.

Bitte zur Anzeige des gesamten Artikels auf die Abbildung links klicken!

Im Jahr 2013 erschien die fünfte  Ausgabe des Magazins „MYOBYTE“ mit ausführlichen Beiträgen zu den Auswirkungen von Übertragungsfehlern und Referenzen für diese Übertragung. Insbesondere die Camper-Ebene wurde anhand einer Kopie des originalen Werks aus dem Jahr 1792 näher diskutiert. Hintergrund war die Behauptung, die Kauebene des Menschen stehe horizontal, was aus den Darlegungen von Camper jedoch nicht ableitbar ist. Jedoch hatte die Orientierung an der Tragusspitze immer wieder zu Modellanordnungen geführt, bei denen die posterioren Zähne herunterzuhängen schienen. Die Schlussfolgerung ist, dass man die Okklusalebene als Referenz verwendet und und sie nie ohne triftigen  Grund verändern sollte. Dieses MYOBYTE ist noch erhältlich (bitte anklicken!).


2014 war die erste Serie des Physio-Logic Artikulators nach meinen Angaben in Kooperation mit der Firma Baumann Dental konstruiert und verfügbar geworden. Der Artikel in der QZ beschreibt die Möglichkeit der Programmierung von vertikalen Bewegungen im Artikulator durch die gezielte Zuordnung der Modelle zur Artikulatorachse, sodass sich ein bestimmter Schließwinkel mit Respekt zur Okklusalebene ergibt. Fehler, die beim Absenken im Artikulator entstehen, wenn die Modelle mit einem Gesichtsbogen mit Respekt zur terminalen Scharnierachse eingestellt wurden, sind vorhersehbar und werden differenziert erklärt. Zur Anzeige des gesamten Artikels bitte Bild links anklicken!


2019 wurde ich von der QZ um einen Artikel zum neuen Physiologic Artikulator gebeten. Im letzten Beitrag hatte ich bereits die Prinzipien der Programmierung von vertikalen Bewegungen erklärt und dargelegt, warum dieser Artikulator anders dimensioniert sein musste, als dies bei konventionellen Geräten der Fall ist. Jedoch erfolgt hier auch die Steuerung der Horizontalbewegungen nach völlig anderen Gestichtspunkten. 

Prinzipiell ist die Frage, ob man in einem Artikulator lieber fremdmanipulierte und möglicherweise pathologisch veränderte Grenzbewegungen darstellen möchte, oder patienteneigene Funktionsbewegungen. Zum Lesen, bitte Bild links anklicken!


Die Prämisse dabei ist, dass etwas zu viele Freiräume in der Okklusion nichts schaden, solange die Bisslage gut definiert ist. Zu wenige Freiräume resultieren hingegen in kompensierten Kieferhaltungen und -bewegungen, um Störungen aus dem Weg zu gehen. Zumeist bleibt bei der Arbeit mit dem Artikulator unbeachtet, dass der Mensch im Gegensatz zu technischen Geräten über Propriozeption und die Möglichkeit zur selbstständigen Korrektur bzw. Kompensation verfügt. Fehler in der Kette von Schritten, die zur Anfertigung okklusaler Arbeiten nötig sind, werden dadurch leicht maskiert. Kommt es in der Folge zu Problemen, bleiben diese Fehler daher oft unerkannt.


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