Jig-Schienen: Vorsicht!

Ant offener Biss

Nach 2-jährigem Tragen einer Jig-Schiene ist der Biss von 6-6 offen und nun ist eine chirurgische Korrektur geplant.

Seit Jahren gelten Jig-Schienen als Patentrezept, sei es für die CMD, Kopfschmerzen oder Zähneknirschen und werden  in Vorträgen angepriesen „wie warme Semmeln". Was dahinter steckt, ist einfach der Versuch, den Patienten davon abzuhalten, zuzubeißen. 

Die verschiedenen Zahntypen im Gebiss sind für unterschiedliche Funktionen optimal ausgeformt: Molaren haben jeweils mehrere Wurzeln, die sie besonders massiv im Knochen verankern und können hohe Kräfte beim Kauen aufnehmen. Sie sind die Stützzähne im Gebiss. Die Prämolaren sind zierliche Helfer und die Eckzähne können mit ihren langen Wurzeln Hebelkräfte gut aufnehmen. 

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Identische Situation zwischen den Modellen…

Die Schneidezähne sind mit besonders feinfühligen Sensoren bestückt. Sticht einem beim Fischessen z. B. eine kleine Gräte, so bugsiert man sie zwischen die Schneidekanten, denn dort kann man sie abtasten und bei Bedarf so halten, dass man sie mit den Fingern greifen kann. Die Seitenzähne weisen kein solch feines Gespür auf, empfinden viel „stumpfer“. Legt ein Patient mit einem gesunden Biss die Zähne aufeinander, so würden seine Schneidezähne einen dünnen Folienstreifen nicht festhalten. Erst wenn er kräftig zubeißt und die Seitenzähne eine Winzigkeit nachgeben, würde ihm dies gelingen. Die Schneidezähne sind eben keine Stützzähne!

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… jedoch ist hier auch eine Verzahnung möglich, welche die Patientin nicht mehr erreichen kann.

Trägt man eine Jig-Schiene, so kann man keine Zähne mehr in Kontakt bringen, außer gerade diese sensiblen Schneidezähne. Der erhoffte Effekt ist der, dass man das Zubeißen ganz sein lässt. Und es ist erstaunlich: Wenn man aufhört zuzubeißen, entspannt meist der Nacken! Und da behaupten unsere „wissenschaftlichen“ Kollegen, es gäbe keine Zusammenhänge zwischen dem Biss und dem Nacken, sowie der restlichen Körperhaltung!

Ja, sie wirken, diese Jig-Schienen, aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen, denn das Zubeißen gehört zur gesunden Funktion. Man versuche nur, ob es einem gelingt, zu schlucken, ohne dabei zuzubeißen. Ja? Dann wiederholen Sie den Versuch und achten darauf, was Sie dabei mit Ihrer Zunge machen! Man muss den Unterkiefer irgendwie abstützen, um ein Widerlager für die Muskelzüge zu haben, die beim Schlucken aktiviert werden. Dabei melkt die Zunge den Speichel regelrecht in den Rachen. Außer, sie kann das nicht, weil sie für die Abstützung des Kiefers herhalten muss, um zu vermeiden, auf die sensiblen Schneidezähne zu beißen!

Das Programmieren eines dysfunktionellen Schluckmusters ist einer der negativen Nebeneffekte, die sich bei der Verwendung von Jig-Schienen einstellen können. Dabei kann man sich anstelle einer normalen Schluckbewegung angewöhnen, mit der Zunge seitlich zwischen die Zähne zu fahren, oder sie an den Gaumen zu pressen. Ein weiterer negativer Effekt tritt ein, wenn man es lernt, eben doch auf die Schneidezähne zu beißen. Dann kann es schnell passieren, dass sich der gesamte Zahnbogen verformt und man plötzlich ein erhebliches kieferorthopädisches Problem vor sich hat, bei dem der Biss anterior offen ist, Molaren heruntergewachsen sind und vielleicht sogar überhaupt nichts mehr passt.

Schließlich beobachte ich immer wieder auch Kiefergelenkkompressionen, welche nach dem Tragen von Jig-Schienen auftreten. Nimmt der Patient die Schiene heraus, kommt er nur noch auf den hinteren Molaren auf und muss sich mühen, mit den restlichen Zähnen Kontakt zu finden. Wenn er Pech hat, gelingt ihm dies nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr. Ist der Biss anterior erst einmal offen, erkundet bald die Zunge diese neuen Räume, findet ihren Weg zwischen die Schneidezähne, bildet beim Schlucken möglicherweise einen anterioren Zungenschub aus und ein anfangs unscheinbares Problem wird dann schnell zum Desaster. 

In meiner Praxis hat sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe Patienten angesammelt, die durch das Tragen von Jig-Schienen in ernste Schwierigkeiten geraten sind. Bei einer plante man schon die chirurgische Versetzung der Kiefer, ein anderer ist seit Jahren in Schmerztherapie und kann ohne Medikamente nicht mehr leben. Das ist besonders ärgerlich, wenn solche Jig-Schienen ohne Not eingegliedert wurden, weil der Patient angeblich mit den Zähnen knirschte. Bruxismus hinterlässt Spuren auf den Zähnen und wenn davon nichts zu sehen ist, lag er nie vor!

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Veränderung in der Zahnbogenform und im Biss nach einem Jahr Tragen einer Jig-Schiene wegen angeblichem Bruxismus. Der Patient ist jetzt in Schmerztherapie und kommt, mit Medikamenten eingestellt, einigermaßen zurecht, jedoch nicht ohne. Bild zur Vollansicht bitte anklicken!


Ich selbst habe Jig-Schienen noch nie favorisiert, denn sie wirken zwar, lösen aber kein Problem, das einer Dysfunktion zugrunde liegt. Sie sind bequem, können aber das Nachdenken und die Suche nach individuellen Zusammenhängen bei der CMD nicht ersetzen. Bei bestimmten Problemen erzielt man vielleicht eine schnelle symptomatische Linderung, verschiebt dabei aber nur die eigentliche Problematik. In folgenden Fällen rate ich vom Einsatz von Jig-Schienen nachdrücklich ab:

  • Bei Mundatmern, offener Mundhaltung, langem Untergesicht und schwachem Lippentonus.
  • Bei einer instabilen Verzahnung, z. B. nach Kieferorthopädie, oder bei Fehlfunktion der Zunge.


Soll dennoch eine Jig-Schiene eingesetzt werden, rate ich zu folgenden Vorsichtsmaßnahmen:

  • Die Schiene keineswegs nur segmentiert im vorderen Bereich des oberen Zahnbogens anfertigen, sondern die Seitenzähne mit überdecken.
  • Den Jig niemals einfach erhöhen, wenn sich nach einiger Tragezeit erneut Kontakt auf den Seitenzähnen einstellt. Dies ist ein Zeichen dafür, dass sich Zahnbögen verformen, oder die Kiefergelenke nachgeben und man dabei ist, irreversible Veränderungen zu verursachen!
  • Den Biss regelmäßig überprüfen, indem man den Patienten leicht auf Registriersilikon beißen lässt. Sobald sich der Biss anterior beginnt zu öffnen und das Silikon nur noch von den hinteren Molaren perforiert werden kann, werden möglicherweise irreversible anatomische Veränderungen verursacht!



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