Unser Fleischkonsum

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Für das Kapitel über Ernährung brauchte ich bei meinem neuen Buch am längsten. Einerseits lag das daran, dass ein Zusammenhang mit der CMD nicht unmittelbar ins Auge fällt. Ob wir aber unserem Körper die benötigten Elemente zuführen, sie ihm vorenthalten oder ihn mit toxischen Elementen belasten, spielt bei jeder chronischen Erkrankung eine Rolle. Jedoch werden viele Themen bei der Ernährung auch mehr emotionsgeladen als faktenbasiert diskutiert und Standpunkte werden zum Teil mit fanatischer Intensität vertreten – nicht immer auch ganz frei von Eigennutz. Eine ausgewogene Darstellung ist gerade hier daher besonders schwierig und so schrieb ich am Ende dieses Kapitel ein Dutzend Mal neu, bevor ich damit einigermaßen zufrieden sein konnte.

Als gesichert darf man heute sehen, dass wir zu viel tierisches Eiweiß konsumieren. Dieser Überkonsum, vor allem an Fleisch- und Milchprodukten, geht mit einer Reihe von unerwünschten, meist auch unbeachteten Nebeneffekten einher:

1. Umwelt: Die Massentierhaltung ist nach einer Studie der Heinrich Böll Stiftung eine Hauptquelle für CO2-Emission: "Die 20 weltweit größten Fleisch- und Milchkonzerne verursachen mit 932 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr mehr Emissionen als Deutschland, der viertgrößte Industriestaat der Welt, mit 902 Millionen Tonnen CO2/Jahr".

2. Gesundheit: Im Mittelalter konnten sich nur die ganz Reichen (Beispiel: König Heinrich der 8.) haltlos der Schlemmerei hingeben und grenzenlos Fleisch konsumieren. Was wir heute „Zivilisationskrankheiten“ nennen, betraf ursprünglich nur sie. Heute kann es sich jeder leisten, sich zu Tode schlemmen. Jedoch kann man diesen Tod mit allerlei Medikamenten, von Blutverdünnern und Blutdrucksenkern bis zu solchen, die den Cholesterinspiegel senken, hinausschieben – und dabei wird auf allen Seiten, außer der des Patienten, viel Geld verdient!

Dr. Caldwell Esselstyn musste diese Erfahrung als Personaldirektor an der Cleveland Klinik machen, deren Einkünfte hauptsächlich aus der Herzchirurgie stammten. Vor Jahrzehnten unternahm er einen Versuch mit einer Gruppe von Patienten, deren Herzleiden zu weit fortgeschritten waren, um noch einmal einen chirurgischen Eingriff zu wagen. Man hatte ihnen höchstens noch genug Zeit prognostiziert, um mit etwas Glück vor ihrem Tod ihre Hinterlassenschaft zu ordnen. Dr. Esselstyn stellte ihre Ernährung vollständig um – mit dem Ergebnis, dass manche auch 20 Jahre später noch gesund und munter waren! Wenn man Herz-Kreislauferkrankungen aber durch Ernährungsumstellung reversieren kann, wovon sollte sich dann die kardiologische Abteilung seiner Klinik ernähren? In der Tat ist die Ernährung keine Kleinigkeit, sondern es kann um Leben oder Tod gehen!


3. Tierquälerei: Wir leben in einer schizophrenen Welt, in der wir einerseits Tiere verhätscheln und ihnen menschliche Qualitäten andichten, so lange es sich dabei um unsere geliebten Haustiere handelt. Auf der anderen Seite nehmen wir hin, dass Tiere als Massenware gezüchtet und missbraucht werden, solange ihr Fleisch am Ende billig genug ist. Wer den Kopf nicht einfach in den Sand stecken möchte, ist gut damit beraten, sich hin und wieder auf den Seiten der Albert Schweizer Stiftung zum Thema zu informieren – oder sollte man sagen „zu sensibilisieren“?

Einen der besten mir bekannten Beiträge zum Thema hat aber das Quarks Team des WDR gedreht und ich kann jedem, der ihn im Fernsehen verpasst hat, nur empfehlen, ihn sich hier anzusehen:

Unsere Vorstellung davon, was gesundes Essen ist, wie viel Eiweiß wir brauchen, oder wie viel Milch, ist viel stärker von den Interessen der Industrie geprägt, als man sich vorstellen mag. Viele Richtlinien dazu entstanden in den USA und wurden von Behörden herausgegeben, die nicht der Volksgesundheit, sondern der Verwaltung der Agrarindustrie gewidmet waren. Hinzu kommt die unermüdliche Lobbyarbeit dieser Industrie mit einem Jahresumsatz von über 171 Milliarden Euro alleine in Deutschland, die in Brüssel kaum weniger ausgeprägt ist, als in Washington. 

Das Sahnehäubchen auf diesem Gemenge ist die Tatsache, dass die Medizin eigentlich für die Gesundheit und somit auch für die gesunde Ernährung zuständig wäre. In Ihrer Ausbildung lernen aber Mediziner eine Menge über Pharmakologie und Medikamente, aber so gut wie nichts über Ernährung. Sie erteilen ihren Patienten keine schlechten Ratschläge, weil sie an einer Verschwörung teilnehmen, sondern weil ihnen der Stand der Forschung meist gänzlich unbekannt ist. Und nicht selten leiden sie ebenso an Übergewicht, Herz-Kreislaufproblemen, Diabetes und Autoimmunproblemen, wie die Patienten, die sie dazu beraten. Ob man Arzt ist, oder nicht, man tut daher gut daran, sich breitgefächert zu informieren, auch zu Themen wie Low-Carb-Diäten

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