Der Zusammenhang

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Warum das Thema „Ernährung“ in einem CMD-Buch? Warum Beiträge zum Laufen und instinktiven Bogenschießen in diesem Blog? Kann es da überhaupt Zusammenhänge geben?

Chronische Erkrankungen unterscheiden sich dramatisch von akuten. Bei einer akuten Infektion gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang mit einem Erreger, bei einem Unfall mit bestimmten Verletzungen. Ursache und Wirkung sind klar erkennbar. Ganz anders bei chronischen Erkrankungen. Hier bricht die Widerstandskraft des Körpers langsam zusammen und oft weiß man nicht, warum. Nicht selten führen Behandlungsversuche gar zu weiteren Belastungen, statt zur Heilung.

Chronische Erkrankungen haben etwas mit der Größe der Belastungen und der Widerstandskraft zu tun, was sich im Gleichnis mit dem letzten Tropfen widerspiegelt, der das Fass zum Überlaufen bringt. Man wird seine liebe Mühe damit haben, im überlaufenden Fass diesen letzten Tropfen zu identifizieren, aber selbst wenn man das könnte, wäre es mit seiner Entfernung oft nicht getan, wenn der Damm quasi erst einmal gebrochen ist.

Aber nicht jedes Fass läuft gleich schnell über. Der eine hat ein großes (und damit ist nicht der Bauch gemeint ;-), das nie überlauft, beim anderen passiert es ständig auch schon bei kleinsten Anlässen. Dann ist es an der Zeit, Belastungen allgemein zu reduzieren und nach Dingen im Leben zu suchen, die man dahingehend ändern kann. Deswegen habe ich in der zweiten Auflage meines Buches ein Kapitel der Ernährung gewidmet, auch wenn dies ein extrem kontroverses Thema ist.

The-Art-of-Tracking

Wir finden heute Überzeugungen, dass der Mensch früher Jäger und Sammler war und daher möglichst viel tierisches Eiweiß aufnehmen soll. Ganz klar, dass solche Darstellungsweisen der industriellen Viehzucht sehr entgegen kommen, die billigst produzierte Fleisch- und Milchprodukte im Überschuss auf den Markt wirft. Ohne auf die Art und Weise einzugehen, wie dabei mit den Tieren umgegangen wird, oder darauf, was bei dieser Vorgehensweise an Rückständen im Fleisch landet - ich interessiere mich seit Jahren für den Wahrheitsgehalt solcher Grundüberzeugungen: Sind unsere frühen Vorfahren wirklich jeden Tag in den Wald gegangen und haben sich Tiere geschossen, um täglich zwei oder dreimal tierisches Eiweiß in der einen oder anderen Form zu sich zu nehmen?

Bearpaw „Slick Stick"

slickstick

Der Langbogen im federleichten Minimaldesign ist ein gutes Beispiel für eine technische Meisterleistung, hinter der eine lange Evolution im Bogenbau steht.

Beim instinktiven Bogenschießen bekommt man ein recht gutes Gefühl für die Distanzen, über die man ggF. ein Tier erlegen könnte. Prinzipiell ginge das bei kleinen Tieren leichter, aber die sind auch schwerer zu treffen. Große Tiere wären leichter zu treffen, aber da reicht ein Pfeil über lange Distanz nicht aus, der seine Energie im Flug bereits verloren hat und keine Durchdringungskraft mehr hat. Auch sprechen wir hier nicht etwa vom Mittelalter, sondern es geht bei diesen evolutionären Überlegungen zur Ernährung um prähistorische Zeiten, bevor Menschen sesshaft waren und Nahrungsmittel anbauten. Wir sprechen also von den Savannen Afrikas und wir können getrost davon ausgehen, dass es seither im Bogenbau erhebliche Fortschritte gegeben hat - unseren frühen Vorfahren standen keine Carbonpfeile und laminierte Bögen zur Verfügung, sondern diese Werkzeuge waren in der Steinzeit sicherlich reichlich krude. 

Wenn es mir nach einiger Übung also vielleicht gelingt, einen (Gummi-) Hasen aus 10-20 Meter Entfernung zu „erlegen“ und ein Reh aus 30-40 Metern (wobei die Gummiziele beim 3-D-Schießen freundlicherweise still halten), so dürfte das für unsere Vorfahren in der Steinzeit sicher nicht auf wesentlich größere Distanzen möglich gewesen sein. Sich gegen den Wind in der offenen Savanne so nahe anzuschleichen, ist sicher nichts für einen kurzen Jagdausflug am Samstagnachmittag!

Wir sind sowohl Raubtieren, als auch Beutetieren an Geschwindigkeit hoffnungslos unterlegen. Was war also das Überlebensgeheimnis unserer prähistorischen Vorfahren? Tatsächlich gibt es etwas, das sie besser konnten, als alle Vierbeiner: Ausdauernd laufen. Menschen können auf ihren zwei Beinen dauerhaft mit einer Geschwindigkeit laufen, die einen verfolgten Vierbeiner dazu zwingt, vom entspannten Trott in den Galopp zu wechseln. Dabei komprimiert der Bauch jedesmal wie ein Kolben die Lunge, während die Hinterbeine nach vorne kommen und die Vorderbeine nach hinten und der Rücken sich krümmt. Vierbeiner können im Galopp bei jedem Sprung nur einmal atmen! Gleichzeitig müssen sie Wärmeüberschüsse fast ausschließlich über die Atemluft abführen, indem sie Hecheln, was im Galopp nicht geht. Ein anhaltender Galopp überhitzt einen Vierbeiner  irgendwann, so dass er anhalten und verschnaufen muss, um abzukühlen. Bevor dies geschafft ist, hat der Mensch, der sich durch Schwitzen kühlen und völlig unabhängig von seiner Schrittfolge atmen kann, wieder aufgeholt, das verfolgte Tier fällt erneut in einen Galopp und ist nach einigen Stunden buchstäblich zu Tode gehetzt.

cover nature

Diese Theorie des „Persistence Hunting“ gibt es schon länger, sie konnte aber nie bewiesen werden. David Carrier, Student unter Prof. Bramble in evolutionärer Biologie an der University of Utah, war ein guter Läufer und wollte es selbst in einem Versuch in den Weiten Wyomings demonstrieren. Bald musste er aber feststellen, dass Antelopen sich so leicht nicht als Nahrung zur Verfügung stellen: Sie sehen alle gleich aus und jedes Mal, wenn es dem gejagten Tier gelingt, sich wieder unter die Herde zu mischen, jagt man anschließend ein anderes, das frisch und ausgeruht ist. Bramble veröffentlichte die Theorie des Persistence Huntings dennoch 2004 im Nature Magazin, wodurch Louis Liebenberg, heute Professor für Human Evolution Biology an der Harvard University, darauf aufmerksam wurde. Damals lebte er mit den letzten urtümlichen Nomaden in der Kalahari Wüste zusammen, die unseren Vorfahren aus der Steinzeit noch am ähnlichsten waren. Dort fand er heraus, dass das „Persistance Hunting“ tatsächlich hervorragend funktioniert: Während 41 Versuche der Buschmänner mit Pfeil und Bogen zu jagen, 39 mal fehlschlugen und nur zweimal zum Erfolg führten, resultierten 2 persistence hunts beide Male in der Erbeutung eines Kudus (Link zur Veröffentlichung), wenn eine Fähigkeit dabei geschickt eingesetzt wird: Das Spurenlesen.

Art of Tracking

Dies konnten die erfahrensten Stammesältesten am besten und führten daher bei der Verfolgung an, während die jüngeren und kräftigsten sich für die Endphase schonten. Da man die Beute nicht 20 km zurück tragen konnte, ohne dabei Gefahr zu laufen, sie an überlegene Raubtiere zu verlieren, nahmen Mütter und Kinder ursprünglich wahrscheinlich ebenfalls an der Verfolgung teil. Sie alle mussten in der Lage sein, große Strecken zu überwinden. 

Dem würde etwas Erstaunliches entsprechen, auf das Prof. Bramble bei der Untersuchung von Marathonzeiten stieß: Ab dem Alter von 19 Jahren (jüngere wurden in der Studie nicht erfasst) verbesserten die Läufer ihre Leistung, bis das Maximum im Alter von etwa 27 Jahren erreicht war. Danach dauerte es bis zum Alter von 64 Jahren, bis sie wieder auf die Zeiten zurück gefallen waren, die sie mit 19 Jahren gelaufen waren. Kein anderer Sport hat im Alter eine dermaßen langsame Verfallskurve. Außerdem ist im Laufsport der Leistungsunterschied zwischen Frauen und Männern umso geringer, je länger die Distanzen werden. „Man hört nicht mit dem Laufen auf, weil man zu alt ist, man wird alt, weil man mit dem Laufen aufgehört hat!“ ist seine Schlussfolgerung.

Origin of Science

Aber Liebenberg hatte bei den Buschmännern noch etwas anderes beobachtet: Es ging keineswegs nur darum, eine Fährte zu finden. Es ging darum, in ihr zu lesen, sie zu interpretieren, individuelle Tiere darin finden zu können und sich einen Reim darauf zu machen, was sie taten und was sie als nächstes tun würden. Spurenlesen war der Beginn des abstrakten Denkens, bei dem die Begrenzung unserer fünf Sinne gesprengt und Abläufe imaginär nachvollzogen wurden, auch wenn der Beobachter sie nicht direkt sehen konnte. Liebenberg bezeichnet dies als den prähistorischen Ursprung der Wissenschaft. Liebenbergs Bücher sind inzwischen vergriffen, aber man kann sich den Text als PDF aus dem Internat laden.

Und noch etwas anderes fanden Anthropologen heraus: Menschen hatten nichts, mit dem sie sich gegen Raubtiere zur Wehr setzen konnten, keine Klauen, keine Fänge. Noch bevor sie hierfür Waffen entwickelten, hatten sie aber bereits eine Strategie: Den Bluff, die Vorspiegelung falscher Tatsachen. Eine Meute Hominide, die kreischend herumsprang und vielleicht mit ein paar Steinen warf, konnte selbst einem Löwen genügend Angst einjagen, so dass er sich lieber eine leichtere Beute suchte. Die Täuschung entspringt also einer Überlebensstrategie und der Mensch hatte Hunderttausende von Jahren Zeit, um diese Kunst zu perfektionieren. Also muss man sich heute nicht darüber ärgern, wenn man jemanden trifft, der sich mit falschen Federn schmückt. Vielleicht hat diese uralte Kunst nun auch in der modernen Werbeindustrie ihren letzten wissenschaftlichen Schliff erhalten! 

Eat&Run

Essen, Laufen und Denken, das sind menschliche Urtugenden. Hier waren unsere frühen Vorfahren bei weitem flexibler, als alles andere, was auf der Erde kreuchte und fleuchte. „Eat and Run“ ist im Übrigen auch der Titel von Scott Jurecks Buch, in dem er von seinen Erfahrungen als einer der besten Ultradistanz-Läufer berichtet. Dabei hat er einen enormen Kalorienbedarf und gibt viele Beispiele und Rezepte, wie er diesen auch als Vegetarier leicht deckt. Das Buch ist auch in Deutsch verfügbar.

Wenn wir uns heute von der Lebensmittelindustrie einreden lassen, dass es gefährlich für unsere Gesundheit sei, wenn wir nicht jeden Tag tierisches Eiweiß verzehren, oder wenn wir uns von der Schuhindustrie einreden lassen, dass das Laufen gefährlich sei, wenn wir das nicht mit deren teuersten Schuhen mit Fersenkeil und Torsionskontrolle tun, dann verhalten wir uns nicht so sehr viel klüger, als der prähistorische Löwe, der sich von einer Meute kreischender Hominide von seiner Beute vertreiben ließ! 

Man tut gut daran, die hitzigen Debatten darüber, ob man nun besonders viel, oder gar kein Fleisch essen soll, anderen zu überlassen. Die Evolution liefert jedenfalls weder für den einen, noch den anderen Standpunkt den Beweis. In der Steinzeit war die Jagd eine äußerst mühsame Angelegenheit, die man sicher nicht jeden Tag auf sich nehmen konnte. Im Mittelalter hatte sich die Waffentechnik erheblich verbessert, Hunde halfen bei der Jagd und der Mensch war längst nicht mehr nur in Afrika zuhause. Nur diejenigen, die es sich leisten konnten, vor allem adelige Großgrundbesitzer, aßen sich damals schon am nun reichlicher vorhandenen Fleisch zu Tode. Heute ist Fleisch in der Hauptsache ein Billigprodukt, das man, angenehm vakuum-verpackt, mit einem Handgriff sein eigen nennt. Das hat in unseren Breiten eine Umstellung der Ernährung auf breiter Front bewirkt, so dass Menschen, wie König Heinrich der Achte, der sich vor Übergewicht kaum noch auf den Beinen halten konnte, heute längst keine Ausnahme mehr sind.

Besonders, wenn wir chronisch krank sind, machen wir nichts falsch, wenn wir uns an leicht verdauliche Kost halten und tierisches Eiweiß mit seinem Übergewicht an der Aminosäure Methionin und seiner säurebildenden Verstoffwechslung reduzieren. Es ist nicht nur die Studie des deutschen Krebsforschungszentrums (Vegetarier leben länger), Dr. Dean Ornish, der Präsident Clintons hohen Blutdruck mit einer Ernährungsumstellung behandelte, oder Prof. Campbell mit seiner China Studie; obwohl es noch immer erbitterte Widersprüche gibt, ist heute die wissenschaftliche Evidenz für den entlastenden Charakter einer pflanzlichen Ernährung überwältigend. Leidet man unter „Zivilisationskrankheiten“, wie hohem Blutdruck, Diabetes Typ 2, Gicht und ähnlichem, gibt es eigentlich keinen vernünftigen Grund, warum man nicht einmal für eine oder zwei Wochen auf tierisches Eiweiß verzichten sollte, um herauszufinden, wie der Körper darauf reagiert. Allerdings lehren die Erfahrungen aus meinem eigenen Umfeld, dass man dabei ein Auge auf seinen Blutdruck haben sollte, denn die Blutdrucktabletten wirken dann u.U. plötzlich viel zu stark!

Ähnlich bei der Bewegung: Was kann man falsch machen, wenn man sich öfters an der frischen Luft bewegt und dabei vorsichtig einen schonenden Laufstil ausprobiert? Selbst, wenn man anfänglich zyklisch nur 15 bis 30 Sekunden weich und federnd läuft und dann drei- oder viermal so lange geht, bis man wieder bei Atem ist, so dass man auch bei ganz schlechter Fitness nicht in einen anaeroben Bereich gerät, und dies dann behutsam steigert. Hat man ausgeprägte Herz-Kreislaufbeschwerden, sollte man sich vorher natürlich mit seinem Kardiologen beraten. Aber unsere Gene spielen uns dabei in die Tasche, denn wir sind geborene Läufer, auch wenn wir das Laufen vielleicht während einem Leben im Sitzen verlernt haben.

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