Genmanipulation - völlig ungefährlich?

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Gerade besuchen wir wieder das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die ständigen bedrückenden Nachrichten zuhause sind in weite Ferne gerückt und wie immer gibt es hier Neues zu entdecken. Diesmal kostenpflichtige Überholspuren auf den Autobahnen, auf denen man am Stau einfach vorbeifahren kann - wenn man bereit dazu ist, dafür zu bezahlen. In Atlanta auf der I-85 wären es satte 10 US-Dollar gewesen, um den gestauten Berufsverkehr am Stadtausgang auf der gebührenpflichtigen Sonderspur zu überholen. Eine Art variable Maut, die umso teurer wird, je dichter der Stau ist. Am nächsten Vormittag kostete die gleiche Strecke dann nur noch 2 Cents - aber da ging es auch auf den kostenlosen Spuren zügig voran.

Ja, die Amerikaner sind immer wieder für neue Ideen gut. 1969 waren sie schließlich auch als Erste auf dem Mond. Manch einer erinnert sich noch an die vielen Vorbereitungsflüge im Gemini- und Apollo-Programm. Und an die Landungen auf hoher See. Von langen Teleobjektiven eingefangen sah man da die eigenartig geformten Kapseln an ihren drei Fallschirmen in einer Wasserfontäne im Meer einschlagen. Und gleich waren die Rettungstaucher da und sicherten alles ab. Wenig später standen die Astronauten dann an Deck des Flugzeugträgers, aber nur ganz kurz, denn sie mussten gleich wieder verschwinden, in die Quarantäne. Warum eigentlich?

Man hatte eine Heidenangst davor, unbekannte Stoffe auf die Erde einzuschleppen, möglicherweise solche, gegen die das menschliche Immunsystem keinerlei Schutz bietet, weil es sie nie zuvor auf der Welt gegeben hat. Michael Crichton griff das Thema 1969 in seinem Roman „The Andromeda Strain“ auf und dankt im Vorwort hochrangigen Generälen des amerikanischen Militärs und Wissenschaftlern der NASA für deren Beratung. Hier war es ein Agens, das schlagartig zur Blutgerinnung im ganzen Körper führte. Durch Menschen veränderte Gene waren eine Spekulation, die ihm damals noch gar zu wild erschien, also mussten die Weiten des Weltalls als Quelle für solch unbekannte Proteine dienen. Schon wenige Jahre später hatte er diese Scheu abgelegt und seine Gedankengänge auch auf durch menschliche Eingriffe veränderte Gene ausgeweitet. Mit seinem allgemein bekannten „Jurassic Park“ jagte er den Lesern gekonnt panische Angst vor dem ein, was passieren kann, wenn wir mit der Evolution herumspielen und dabei naiv glauben, sie zu beherrschen. 

Gerade vor ein paar Tagen hörten wir in den Nachrichten, dass der US-Senat nach einer Anhörung beschlossen habe, dass genmanipulierte Nahrungsmittel völlig unbedenklich seien. Entstehen aber so nicht ebenfalls völlig neue Gensequenzen, denen kein Immunsystem je zuvor begegnet ist? Woher will man das eigentlich so genau wissen und wie konnte es zu einem solch fundamentalen Gesinnungswandel kommen? 


Was ist Genetik?

Als Vater der Vererbungslehre gilt Pater Gregor Mendel, der 1865 seine durch Kreuzungsexperimente mit Erbsen gewonnenen Erkenntnisse veröffentlichte - zunächst allerdings kaum beachtet, obwohl die Thesen hervorragend zu Darwins Standardwerk „On The Origin of Species by Means of Natural Selection“ passten, das 1859 erschienen war. Mendel ging von unsichtbaren Faktoren aus, die von einer Generation auf die nächste vererbt werden und jeweils zweifach vorhanden sein müssen, einmal von der Mutter und einmal vom Vater kommend. Daraus entwickelte Sutton seine Chromosomentheorie. T.H. Morgen bewies diese Theorie experimentell mit Drosophilafliegen und zeigte, wie Gene durch die Aktivität von Chromosomen weitergegeben werden, wofür er 1933 den Nobelpreis erhielt. 1944 entdeckte dann Avery anhand der Transformation von Pneumococcen die DNA als Träger der Erbinformation.

Die DNA besteht aus zwei Spiralen, die ineinander verdreht angeordnet sind und von Brücken zwischen vier Basen verbunden sind: Adenin A, Thymin T, Guanin G und Cytosin C. Jedoch verbindet sich jede dieser Basen nur mit einer anderen, A mit T und G mit C, so dass vier Basenpaare möglich sind: A-T, T-A, C-G und G-C. DNA-Moleküle beherbergen diese vier Basenpaare in unvorstellbar langen Ketten in einer für jede Person einzigartigen Sequenz. Sie sind in 23 Paare von Chromosomen aufgeteilt, welche es in jedem Kern der etwa 100 Billionen Zellen des menschlichen Körpers gibt. Dabei aggregieren sich die Basenpaare auf den Chromosomen zu etwa 25 000 Genen, von denen jedes zwischen 100 und etlichen Millionen Basenpaare aufweist.

Jedoch entsteht aus einem Gen nicht einfach ein Protein. Vielmehr geschieht dies auf dem Umweg über die RNA, einem der DNA ähnlichen Molekül. Dieser RNA-Code dient dann der Auswahl zwischen etwa 20 Aminosäuren mit unterschiedlichen Eigenschaften, welche zu langen Fäden zusammengefügt werden, sich jeweils auf ihre spezielle Weise verwinden und so zu Eiweißen im Körper werden. Jedoch steht nicht einfach jeweils ein Basenpaar für eine bestimmte Aminosäure. Es ist jeweils eine Dreiergruppe von Basen, welche für eine bestimmte Aminosäure definierend ist, so dass sich aus den vier Basen 64 Triplets, oder Codons ergeben.

Ursprünglich dachte man, dass jeweils ein Gen die Information für die Produktion eines Eiweißes trägt. Jedoch zeigt die jüngere Forschung, dass diese Vorstellung viel zu simplistisch ist. So können auch mehrere Gene an der Produktion eines Eiweißes beteiligt sein, denn es gibt solche, die sich aus mehreren Fäden von Aminosäuren zusammensetzen. Daher ist es unmöglich, die Zahl der möglichen Kombinationen zu Eiweißen zu benennen und sie überschreitet auch sicherlich die menschliche Vorstellungskraft. Bemerkenswert ist auch, dass, obwohl jede Zelle mit der gleichen Erbinformation ausgestattet ist, sich daraus völlig unterschiedliche Zellen für komplett verschiedene Aufgaben entwickeln: eine Leberzelle entspricht am Ende in keiner Weise einer Nerven- oder Knochenzelle, usw. Es ist also nicht nur die genetische Anlage, es ist der selektive Ausdruck bestimmter Eigenschaften, welcher am Ende bestimmend ist.

Gene werden also in RNA übertragen, welche sie in Sequenzen von Aminosäuren übersetzt, die zu Proteinen zusammengesetzt werden, die dann zu einer Zellstruktur, zu Enzymen, Hormonen usw. werden - ein enorm komplizierter Prozess, der noch keineswegs komplett verstanden ist. Die Forschung ist auf isolierte Vorgänge im Detail gerichtet. Ein anschaulicher Vergleich drängt sich beim Ansehen des Videos zum deutschen Rekord im Domino-legen mit über 500 000 Steinen auf. Die moderne Wissenschaft kann zwar einen dieser Steine heraus greifen und genau untersuchen, aber daraus ergibt sich keinerlei Überblick über die Interaktionen, die resultieren, sobald ein bestimmter Stein auf eine bestimmte Weise umgestossen wird!


Gentechnik, oder Rekombinante DNA

Bei der Gentechnik manipulieren wir also ein unvorstellbar komplexes System indem wir DNA-Sequenzen durch andere ersetzen. Dies geschieht in der Hoffnung, es besser zu können, als die Evolution, die wir zwar auch in Teilen beschreiben können, aber ebenso noch keineswegs wirklich verstanden haben. Dabei gibt es überraschende Parallele zur Atomtechnik, bei der anfangs nicht nur Kritiker, sondern auch Atomforscher selbst eindringlich vor möglichen Konsequenzen gewarnt haben. Konsequenzen, die wir dann Jahrzehnte später erst zu spüren bekommen haben.

Erwin Chargaff, der dabei half, die Doppelhelix-Struktur der DNA zu entdecken schrieb bereits 1976 in einem offenen Brief an das amerikanische Magazin „Science“: 

„Man kann damit aufhören, Atome zu spalten; man kann damit aufhören, den Mond zu besuchen; man kann auch damit aufhören, Aerosole zu verwenden… Aber man kann nicht eine neue Lebensform zurückrufen, wenn man sie freigesetzt hat… Haben wir das Recht dazu, unwiderruflich gegen die jahrmillionenalte Weisheit der Evolution vorzugehen, um die Ambitionen und Neugierde einiger Forscher zu befriedigen?“.


Steven Druker ist Anwalt und Publizist in den USA. Es hat in einer Klage gegen die amerikanischen Behörden die Veröffentlichung zuvor geheimgehaltener Akten durchgesetzt, die zeigen, wie ausdrückliche Warnungen, auch von den behördeneigenen Wissenschaftlern, unter den Teppich gekehrt wurden. Wie er in seinem ausführlich recherchierten und dokumentierten Buch „Altered Genes, Twisted Truth - How the Venture to Genetically Engineer Our Food Has Subverted Science, Corrupted Government and Systematically Deceived the Public“ darlegt, ist die Sicherheit genetisch veränderter Nahrungsmittel alles andere als erwiesen. Bevor man den schnöden Versuchen von Finanzakteuren aufsitzt, die entsprechenden Probleme, etwa bei den TTIP-Verhandlungen, ins Lächerliche zu ziehen, sei die Lektüre dieses Buches unbedingt empfohlen, auch, wenn es momentan nur in Englisch verfügbar ist. Die Einleitung baut bereits Spannung auf, die sich über das ganze Buch hinweg fortsetzt: 


Wie ich widerstrebend zum Aktivisten wurde

- und ein Verbrechen aufdeckte, das die Kommerzialisierung von gentechnisch veränderter Nahrung ermöglichte -

Die meisten Amerikaner wären überrascht, wenn sie erführen, dass Bill Clinton, Bill Gates und Barrack Obama (zusammen mit einer Menge anderer einflussreicher Persönlichkeiten) alle einem  ausgeklügelten Betrug aufsitzen. Noch überraschender fänden sie es, dass dieser Betrug nicht durch eine ausländische Macht verübt wurde, oder durch eine internationale kriminelle Bande, oder durch einen Geheimbund von verschlagenen Finanzakteuren, sondern durch ein Netzwerk von distinguierten Wissenschaftlern…  Sie wären schockiert, wenn sie wüssten, dass die US Food and Drug Administration dabei ein Hauptkomplize war


Das klingt nach Verschwörungstheorie, aber bei der Lektüre wird einem schnell klar, dass man eigentlich so gut wie nichts über die Gentechnik weiß. Wie es z. B. möglich gemacht wird, völlig artfremde Gene von höheren Lebensformen in die DNA von Bakterien einzuschleusen und anders herum. Die Natur hat hohe Schranken errichtet, die genau dies verhindern, so dass selbst das Kreuzen von Pflanzen auf „natürliche Weise“ nur bedingt möglich ist. Bei der Gentechnik werden jedoch routinemäßig artfremde Gene in eine DNA eingeschleust und dazu braucht man einen „Vektor“, z. B. ein Virus, das sich auf eben solche Vorgänge spezialisiert hat und eigentlich damit Krankheiten auslöst. Diese sucht man durch Veränderung ihrer Genstruktur zu verhindern, während man sie benutzt, um Organismen mit künstlich hinzugefügten Genen zu „infizieren“. Obendrein braucht es „Booster“, welche den Ausdruck von Genen intensiviert, also deren Umsetzung in Proteine, wodurch es aber zu Stressreaktionen in der Wirtszelle kommt. 

Weiterhin lernt man, dass genmanipulierte Nahrungsmittel keineswegs jeweils intensiv auf ihre Sicherheit getestet werden. Vielmehr erfolgt ihre Zulassung oft aufgrund einer vermuteten Unschädlichkeit. Von den versprochenen höheren Erträgen bleibt unter dem Strich meist nichts übrig und die Produktion von Proteinen mit  herbiziden oder pestiziden Eigenschaften in jeder Zelle der Wirtspflanze hat in vielen Fällen bereits heute zur Ausbildung von „Superweeds“ und „Superpests“ geführt, denen mit einfachen Spritzmitteln nicht mehr beizukommen ist. Interessenten, die nicht das ganze Buch lesen möchten, finden eine Zusammenfassung in Stickpunkten in dieser „Executive Summary“.

California war der erste U. S. Bundesstaat, der ausbrechen wollte. Dort wollte man wenigstens eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht gentechnisch veränderter Nahrungsmittel durchsetzen. Am Ende haben die Bürger selbst mehrheitlich dagegen gestimmt. Wie ist so etwas denkbar?

Die Chemie- und Nahrungsmittelindustrie hatte schnell erkannt, dass eine überwältigende Mehrheit entschlossen war, für einen solchen Bürgerentscheid zu stimmen und legte eine millionenschwere Werbekampagne auf. Die Argumente gegen eine Kennzeichnungspflicht waren:

  • Kennzeichnungspflichtig seien nur Zusatzstoffe, Gentechnik würde nicht zugesetzt, sondern stelle den Inhalt selbst dar.
  • Gentechnik ermögliche einen erheblich höheren Ertrag beim Nahrungsanbau.
  • Gentechnik schone die Umwelt, weil sie den Ersatz mehrerer Spritzmittel durch einen einzigen Stoff ermögliche: Glyphoshat. Statt einen gemischten Giftcocktail müssen Bauern so nurmehr ein Mittel spritzen,  z. B. das angeblich völlig harmlose Roundup des Herstellers Monsanto, dem nur entsprechend gentechnisch veränderte Pflanzen widerstehen können.
  • Gentechnik sei auch nichts anderes, als das konventionelle Kreuzen von Pflanzen, nur, dass man hier wesentlich gezielter vorgehe. Im Endeffekt könnten gentechnische Veränderungen ebenso auch auf natürliche Weise entstehen.
  • Eine Kennzeichnungspflicht bewirkt nichts anderes, als Nahrungsmittelpreise nach oben zu treiben, wodurch besonders sozial schwache Schichten benachteiligt würden.
  • Jeder Interessierte könne sich leicht auch selbst informieren, ob ein Hersteller gentechnisch veränderte Nahrungsmittel verwende. 
  • Die Angst vor Gentechnik sei völlig unbegründet und resultiere aus rückwärts gerichtetem Aberglauben. Moderne und aufgeklärte Menschen seien sich ebenso einig, wie die Forschung, dass Gentechnik die Zukunft sei.
  • Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel würden von den Behörden eingehend untersucht und nur dann freigegeben, wenn ihre Sicherheit absolut gewährleistet sei.
  • Die wissenschaftliche Elite sei einhellig der Meinung, dass genmanipulierte Nahrungsmittel für den Menschen prinzipiell absolut unbedenklich seien.


So wurde ein Klima kreiert, in dem man es sich kaum mehr leisten konnte, der Gentechnik kritisch gegenüber zu stehen. Man outete sich dadurch nicht nur als altmodischer Ignorant, sondern schädigte die Umwelt, die Armen und am Ende gar in unpatriotischer Weise sein Land. Findige Köpfe in der Werbeindustrie hatten genau den richtigen Mix an Argumenten gefunden, so dass die Kalifornier schließlich gegen ihre eigene Resolution stimmten. Gelebte Demokratie des Geldes!

Und nun will die Bayer AG die Firma Monsanto für 62 Milliarden Dollar kaufen.

Beide Chemiekolosse haben sich eine Menge Feinde gemacht, üben jedoch auch eine Menge Einfluss auf die Politik aus, weshalb sich Bürgerinitiativen gegen sie gebildet haben, um öffentlich zu informieren:


Kommt TTIP? Fällt die Scheu vor Gentechnik-Nahrung auch in Europa? Wenn es um solch gewaltige Summen geht, ist nichts mehr unmöglich. Vielleicht ist es wirklich Zeit, aktiv zu werden!

Vermutlich fällt die Pressemitteilung des European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility (ENNSER) nicht durch Zufall in den gleichen Zeitraum. Eine internationale Gruppe von 92 Wissenschaftlern, Akademikern und Ärzten, darunter führende Köpfe, widersprechen hier ausdrücklich der Behauptung, dass ein wissenschaftlicher Konsens bezüglich der Sicherheit gentechnisch manipulierter Nahrungsmittel bestehe. Die deutsche Version kann als PDF downgeloaded werden und die ziemlich kompakte  Lektüre lohnt sich. 

Bei genauerem Hinsehen ist keines der aufgezählten Argumente zugunsten gentechnisch veränderter Nahrung wirklich stichhaltig. Auf der anderen Seite haben wir keine Vorstellung davon, wie sich gentechnisch veränderte Erbsubstanz langfristig im Menschen und im Ökosystem Erde auswirken wird. Aber sie wurde bereits freigelassen und kann, wie Chargaff 1976 gemahnt hatte, auch heute schon nicht mehr wieder zurück genommen werden.



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