Osteoporose

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Die Frau hat zwei künstliche Hüftgelenke, bei einem trat eine Spaltung der Femur (des Oberschenkelknochens) auf, die man gerade noch durch die Implantation einer Manschette um den Knochen stabilisieren konnte, und jetzt hat sie die Diagnose „Moderate Osteoporose“
… und Angst.

Die Frage, die sie entscheiden soll ist, ob sie Bisphosphonat als Spritze möchte, oder lieber oral als Tabletten. Und sie ist eine Frau von vielen, die sich mit dieser Frage konfrontiert sehen.

Gäbe es da vielleicht auch noch ganz andere Fragen? Ist Osteoporose Zufall, oder gibt es Gründe dafür, sodass man dagegen vorbeugen kann?

Ja, die gibt es!

Unser Körper ist in vielerlei Hinsicht um Homöostase bemüht, das ist die Konstanthaltung bestimmter Parameter. Wir kennen das von der Körpertemperatur: Wenn uns zu warm wird, kühlen wir uns durch Schwitzen, wenn uns zu kühl wird, wärmen wir uns durch Zittern. Wir halten unsere Kerntemperatur ziemlich stabil bei 37 Grad. Außer der Körper braucht zur Bekämpfung einer Infektion eine höhere Temperatur, damit bestimmte chemische Prozesse schneller und effizienter ablaufen können. Chemischen Prozesse sind stark von der Temperatur abhängig, wer in der Schule Chemie gehabt hat, kennt das.

Es gibt aber noch einen anderen Parameter, der chemische Prozesse noch stärker beeinflussen kann: Der pH. Das ist ein Wert, der die Präsenz von von Säuren in Form von freien H+ Ionen widerspiegelt, bzw. deren Mangel, wenn eine Base vorliegt. Ein pH-Wert von 7 entspricht neutralem Wasser, in dem sich Moleküle, die ein positives H+ Ion abgeben mit solchen die Waage halten, die eines binden. Je weiter unter 7 der pH-Wert liegt, desto stärker die Säure, je weiter darüber, desto stärker die Base.

Unser Körper besteht zu 70 % aus Wasser, die allermeisten chemischen Reaktionen laufen daher in einer Lösung ab und deren pH-Wert hat darauf einen extrem wichtigen Einfluss. Bei der Bildung von Proteinen können z. B. je nach pH ganz unterschiedliche Formen entstehen, was deren Funktionsweise erheblich beeinflussen kann. Daher ist unser Körper bemüht, die Homöostase in Bezug auf den pH besonders eng zu regulieren. Im Blut können selbst geringste Abweichungen schon lebensgefährlich sein, deswegen bringt die pH-Messung des Blutes wenig und beim Lebenden wird man hier immer Werte zwischen 7,35 und 7,45 finden. 

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Wie die Außentemperatur Einfluss auf die Regulierung der Körperwärme nimmt, gibt es auch beim pH Einflüsse, welche die Balance um den Sollwert stören. Wenn wir Sport treiben, können die Muskeln z. B. Säuren freisetzen. Aber trotzdem ist es lebenswichtig, den pH im Blut konstant zu halten. Der Körper hat hierfür einen Vorrat an sogenannten „Puffersubstanzen“ (in Form von Bikarbonat), welche die freien H+ Ionen binden und somit Säureüberschüsse im Blut sofort neutralisieren.

Eine oft ignorierte, aber viel wichtigere Rolle spielt jedoch die Ernährung. Durch sie können wir unserem Körper Basen- oder Säureüberschüsse zuführen, welche er dann ebenso neutralisieren muss. Kurzfristig ist das aufgrund unseres Vorrats an Puffersubstanzen ebenso wie beim Sport kein Problem, wenn wir aber Ernährungsgewohnheiten haben, die im Körper einen anhaltenden Säureüberschuss produzieren, sind diese Puffersubstanzen irgendwann erschöpft und nun beginnen Säureüberschüsse sich in der extrazellulären Flüssigkeit und im Bindegewebe anzuhäufen. Vielleicht werden damit auch über viele Jahre hinweg unsere Nieren noch fertig und können genug davon ausscheiden, doch lassen sie im Alter zusehends in ihrer Leistungsfähigkeit nach (siehe Jehle A, Krapf R. Nierenfunktion und Nierenerkrankungen beim älteren Menschen. Schweiz Med Wochenschr. 2000 Mar 18;130(11):398-408). Und dann finden sich, zugegeben primitiv ausgedrückt, unsere Knochen in einem schwachen Säurebad wieder, das sie langsam aber sicher auflöst. Diese Säuren stimulieren auch die Aktivität der Osteoklasten in unserem Körper, das sind Zellen, welche Knochenzellen in ihre Bestandteile zerlegen. 

Der Stoffwechsel im Knochen ist ein kompliziertes, fein austariertes System, in dem sich diese Osteoklasten mit den Osteoblasten, die neue Knochenzellen bilden, koordinieren, um Knochen kontinuierlich zu erneuern und stark zu halten. Bisphoshonat greift in dieses System ein, man könnte sagen auf recht grobe Weise, indem es die Aktivität der Osteoklasten stört, oder diese sogar abtötet. Nun wird der Abbau von Knochenzellen unterbunden – insofern funktioniert das Ganze.

Eine wohldosierte Mineralisierung und ein koordiniertes Knochenwachstum sind nun aber auch nicht mehr so recht gegeben und das ist der Grund dafür, dass man Bisphosphonat absetzen soll, möglichst schon 2 Monate vor Eingriffen, welche Knochenwachstum erforderlich machen, z. B. einer Zahnextraktion oder -implantation. Detaillierte Informationen zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Biphosphonaten findet man im Beitrag in den National Institutes of Health der USA in der National Library of Medicine.

Nebenwirkungen von Bisphosphonat:

  1. Tabletten: Reizungen der Speiseröhre, Reflux, Magenreizung und -geschwüre
  2. Infusion: Grippeähnliche Symptome mit Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen
  3. Hypocalcämie (zu wenig Calcium im Blut)
  4. Athralgie und Myalgie (Gelenk- und Muskelschmerzen)
  5. Augenentzündungen
  6. Untypische Oberschenkelbrüche mit schlechter Heilung
  7. Osteonekrose (absterbender Knochen) im Kiefer

Diese Nebenwirkung werden als selten beschrieben, Bisphosphonat werde im Allgemeinen gut vertragen und man findet die Behandlung mit Bisphosphonat und Calcium auch fest in den üblichen medizinischen Leitlinien verankert. 

Auf eine chronische leichte Übersäuerung des Körpers (latente Azidose) wird meist überhaupt nicht eingegangen, obwohl dieses Thema heute durch Studien gut belegt ist (Jehle S, Krapf R. Effects of acidogenic diet forms on musculoskeletal function. J Nephrol. 2010 Nov-Dec;23 Suppl 16:S77-84). Jedoch scheint es sinnvoll, wenigstens den Versuch zu machen, der Osteoporose vorzubeugen, oder sie natürlich zu behandeln, bevor man zu Mitteln greift, welche potenzielle Nebenwirkungen haben, wie selten diese auch sein mögen.

Die Diagnose wird hierbei erschwert, eben weil unser Körper gerade hier so regulierend eingreift. Eine Messung des pH-Wertes des Urins ergibt kaum verwertbare Information, auch weil dieser über den Tag schwankt und morgens meist niedriger ist als abends. Diese Säuren im Urin sind obendrein zum größten Teil durch ihre Bindung an Ammoniak neutralisiert und werden vom Messstreifen daher nur zum Teil angezeigt. Jedoch kann man Messserien machen, mit denen man feststellt, wo diese Schwankungsbreite angesiedelt ist und wie gut der Körper auf Basen- und Säureüberschüsse in der Nahrung reagiert. Schwankungen zwischen einem pH 6,8 und 7,2 gelten als optimal, 6,6-6,7 als milde, 6,0-6,4 als mäßige, 5,0-5,9 als schwere und unter 5 als extreme Säurebelastung.

Säuernd in der Ernährung wirken besonders Fleisch, Käse und Getreide (Nudeln, Brot etc.), während Basenüberschüsse eher mit Gemüse, Kräutern, Salat und Obst einhergehen. Die geschätzte Säurebelastung einzelner Lebensmittel finden Sie in der Tabelle mit PRAL (Potential Renal Acid Load) Werten. Daraus wird schnell ersichtlich, dass es bei der üblichen Ernährung nicht so einfach ist, einem Säureüberschuss aus dem Weg zu gehen, denn zum Teil stark säuernden Lebensmitteln stehen im Vergleich eher schwach basische gegenüber. Ausschlaggebend ist jedoch die Balance. Ein Salatblatt auf einem Hamburger (Fleisch und Brötchen) neutralisiert z. B. nie und nimmer die hier anfallenden Säuren! Besonders säuernd wirken auch die schwefelgebundenen Aminosäuren Methionin und Cystein, welche sich in tierischen Eiweißen finden, in pflanzlichen Eiweißen hingegen nicht.

Resultiert die testweise Ernährung mit Basenüberschüssen nicht in einem Anstieg des pH-Wertes im Urin, werden diese nicht ausgeschieden, sondern dazu verwendet, die erschöpften Speicher an Puffersubstanzen wieder aufzufüllen, ein Hinweis darauf, dass eine leichte Übersäuerung (latente Azidose) schon lange vorliegt, auch wenn sie vielleicht noch nicht durch akute Symptome auffällig geworden ist. Die Schweizer Forscher Sigrid Jehle und Reto Krapf haben dazu einen interessanten Artikel im Swiss Health Web eingestellt „Essen wir zu sauer?“. Auch auf den Seiten der Firma Pascoe finden Sie weitere Informationen zum Säure-Basenhaushalt im Körper.

Eine solche latente Azidose kann viele chronische Krankheiten und Probleme negativ beeinflussen, oder gar verursachen, vom Diabetes mellitus über Rheuma, Bluthochdruck, erhöhte Schmerzempfindlichkeit und chronische Schmerzen, abnehmende Leistungsfähigkeit, chronische Müdigkeit und Schilddrüsenunterfunktion, Muskelschwund, Gicht, Nierensteine, möglicherweise bis hin zu einem erhöhten Krebsrisiko (Otto Warburg erhielt für die Entdeckung des Zusammenhangs zwischen Säureproduktion und Krebs in den 1930er Jahren einen Nobelpreis). 

An dieser Stelle sei das Buch „Wunderwaffe Basenfood“ von Prof. Jürgen Vormann empfohlen, das 2021 im Becker Joest Volk Verlag erschien und einen großen Rezeptteil für die Herstellung basenreicher Gerichte enthält. Es fasst auch die aktuelle Studienlage zu diesem Thema zusammen, die unter Medizinern oft noch unbekannt ist, obwohl es inzwischen durch wissenschaftliche Evidenz solide untermauert ist.

Entwicklungsgeschichtlich ist unser Körper eher dafür ausgelegt, Basenüberschüsse auszuscheiden, als Säureüberschüsse. Diese entstehen erst, seitdem der Mensch sesshaft geworden ist und Ackerbau sowie Nutztierhaltung betreibt. Nomaden als Jäger und Sammler verzehrten zwar auch Fleisch, hatten aber keine Möglichkeit, um dieses haltbar zu machen und zur ständigen Verfügung zu halten. Und sie verzehrten auch keine Milch und Milchprodukte wie Käse. Und praktisch kein Getreide. Ihre Nahrung wies die meiste Zeit über einen Basenüberschuss auf, dem die heute typische Nahrung mit einem deutlichen Säureüberschuss gegenübersteht, zu dessen Elimination über Jahre und Jahrzehnte hinweg unser Körper schlicht nicht angelegt ist.

Ja, bei den heute üblichen Ernährungsgewohnheiten kann es sogar ausgesprochen schwierig sein, langfristig ein ausgeglichenes oder basisches Milieu im Körper beizubehalten. Jedoch kann man den Ausgleich auch durch die Einnahme von Basensalzen erzielen, am besten in Form von Citraten, denn organische Salze sind Nahrungsbestandteilen ähnlicher, brauchen keine Säuren, wie anorganischen Salze (Oxid, Karbonat), um in Lösung zu gehen und neutralisieren die Magensäure nicht. Der Hauptvorteil bei Oxiden, z. B. Magnesiumoxid, ist der, dass man einen hohen Magnesiumgehalt auf kleinem Raum bündeln kann, z. B. in einer Kapsel zum Schlucken. Citrate benötigen mehr Volumen und werden daher als Pulver oder Granulat angeboten, das man in einem Glas Wasser aufgelöst zu sich nimmt. Auf die Herstellung von Basensalzen spezialisiert sich seit 1926 die Firma Basica® in München.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Weg, um Säurelast loszuwerden, und zwar über die Haut, in Form von Schweiß. Je salziger er schmeckt, desto mehr Säuren sind in ihm aller Wahrscheinlichkeit nach gebunden. Regelmäßiger schweißtreibender Sport oder Saunabesuche sind daher ebenfalls wichtige Mechanismen der Entsäuerung. Wenn etwa 70% des Körpergewichtes aus Wasser besteht, kann man sich vorstellen, wie viele Säuren man in seinem Körper anhäufen kann und dass es einige Monate dauern wird, diese wieder auszuschwemmen!

Zusammenfassung: Säurelast abbauen

  1. Weniger Fleisch, Käse, Milch- und Getreideprodukte verzehren
  2. Mehr Obst, Gemüse, Salat und Kräuter verzehren
  3. Regelmäßig schwitzen
  4. Basensalz einnehmen

Dass die Beseitigung der Säurelast bei Osteoporose helfen kann, steht heute außer Frage (Jehle S, Zanetti A, Muser J, Hulter HN, Krapf R. Partial neutralization of the acidogenic Western diet with potassium citrate increases bone mass in postmenopausal women with osteopenia. J Am Soc Nephrol. 2006 Nov;17(11):3213-22. doi: 10.1681/ASN.2006030233. Epub 2006 Oct 11. PMID: 17035614). Am besten begibt man sich in die Obhut eines Arztes, der sich mit diesem Thema wirklich auseinandergesetzt hat. Je nachdem, wie gut sich durch den Abbau von Säureüberschüssen im Verbund mit der Gabe von Calcium und Vitamin D die Osteoporose in den Griff bekommen lässt, kann er dann entscheiden, ob die Einnahme von Bisphosphonaten überhaupt noch sinnvoll ist.


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