TENS und EMS

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Gleich vorneweg: Muss man all das wissen, was hier steht, um TENS einsetzen zu können? Keineswegs.

Im Grunde ist TENS eine simple und effiziente Methode zur Muskelentspannung, die jedermann einsetzen kann, solange er weiß, wo Elektroden am sinnvollsten aufgelegt werden und welches die effizientesten Einstellungen am TENS-Gerät sind! 

Jedoch fehlen häufig die Hintergründe zu den speziellen Parametern, die wir verwenden und es gibt, wie überall bei der CMD, etliche Missverständnisse. Um diese besser verstehen zu können, dafür dienen die hier angebotenen Informationen!

T.E.N.S. steht für „Transkutane Elektrische Neural-Stimulation“, ein Begriff, der ursprünglich für die meisten Formen der Elektrostimulation biphasischen Strömen über auf der Haut aufgebrachte Elektroden angewandt wurde. Mit der Zeit etabliert sich jedoch ein Sprachgebrauch, bei dem unterschieden wird, welchem Zweck diese  Stimulation dient.  TENS steht dabei eher für Schmerztherapie, während „EMS“ die Elektrische Muskel-Stimulation bezeichnen soll. Gemeint ist damit freilich meist die Muskelstimulation zu Trainingszwecken.

Hersteller haben sich allerlei Fantasienamen für ihre Therapieprogramme einfallen lassen, welche die Linderung von speziellen Leiden in bestimmten Körperteien suggeriert. Manchmal werden bestimmte Stimulationsparameter einem Körperteil zugeordnet, aber nicht immer ruhen solche Behauptungen auf belastbaren Fakten oder auf einem nachvollziehbaren Prinzip. 

Depolarisation

Die Schmerztherapie mit TENS basiert in erster Linie auf der „Gate Control Theory“ von Ronald Melzack und Patrick Wall aus dem Jahr 1965. Danach können schnell mit myelinisierten Nerven geleitete nicht schmerzhafte Signale die Synnapse überfluten und blockieren, so dass sie für die langsamer geleiteten Schmerzsignale nicht mehr durchlässig ist. Die Folge ist, dass Schmerzen nicht mehr wahrgenommen werden, weil ihre Weiterleitung in der Synnapse quasi stecken bleibt und das zentrale Nervensystem nicht erreicht. Eine solche Blockierung der Schmerz-Reizleitung lässt sich gut durch die elektrische Stimulation mit mittleren und höheren Frequenzen (50 –100 Hz) erreichen, wobei schmale Impulse mit einer Breite von unter 100 µs opimal sind, indem sie ein nicht schmerzhaftes Gefühl in Form eines Prickelns o. ä. zu erzeugen, ohne jedoch die Synnapsen übermäßig zu ermüden. 

Im Gegensatz dazu geht es bei der EMS nicht darum, ein Gefühl zu erzeugen, sondern Muskelkontraktionen. Dabei möchte man möglichst alle Fasergruppen im Muskel ansprechen, nicht nur die schnellen „fast twitch“ Typen, sondern auch die langsamen. Und das möglichst im gesamten Muskel, der therapiert werden soll, also auch in seinen tiefen Anteilen. Das funktioniert besser mit Impulsbreiten von über 350 µs und niedrigen Frequenzen. Ab einer Frequenz von 4-8 Hz, je nach Muskel, beginnen einzelne Kontraktionen miteinander zu verschmelzen, d. h. die nächste Kontraktion erfolgt, bevor sich die vorhergehende vollständig lösen konnte. Will man durch die EMS einen Trainingseffekt bewirken, z. B., um Muskelschwund vorzubeugen, so wird man mit Frequenzen über 8 Hz stimulieren, z. B.  mit 20-30 Hz. Will man jedoch Entspannung, Entschlackung und Durchblutung im Muskel fördern, so hat es keinen Sinn, ihn zu Anstrengungen zu treiben, die ihn noch mehr erschöpfen. Daher eignen sich hierfür Frequenzen von unter 4 Hz.

Programme in TENS- und EMS-Geräten sind nicht immer nach dieser Logik aufgebaut. Manchmal werden sie einfach von Konkurrenten kopiert, machmal basieren sie auf irgendwelchen Annahmen, manchmal hat man auch einfach mit Parametern herumgespielt und sich gefühlsmäßig für den einen oder anderen entschieden. Es schadet nicht, einmal auszuprobieren, ob sich die Versprechungen, die der Programmname impliziert, erfüllen, aber der kundige Anwender kann sich bei etlichen Geräten auch ein eigenes Programm zusammenstellen, solange die Software entsprechende Einstellungen zulässt und die Hardware die dafür nötigen Parameter erzeugen kann.

Welche Geräte eignen sich?

Vor über 50 Jahren stellte Dr. Bernard Jankelson die Myozentrik vor. Hierfür wurde ein sogenannter „Myomonitor“ benötigt, ein TENS-Gerät zur Entspannung der Kaumuskulatur, das bei Bissnahme auch der passiven Bewegung des Unterkiefers diente. Diese Bewegung erfolgte somit nicht durch die Hand des Zahnarztes, wie dies Gnathologen weiter im Süden der amerikanischen Westküste propagierten, sondern durch die Kaumuskulatur des Patienten selbst. 

Müssen 4 Kanäle sein?

Ellbow5

Beim Myomonitor waren wir an eine mittige Positionierung der Sammelelektrode gebunden – meist im Nacken, direkt unterhalb des Haaransatzes. Schon bald zeigte sich jedoch, dass die TENS-Therapie nicht nur für die Kaumuskeln, sondern auch für die Schulter- und Nackenmuskeln eine hervorragende Wirkung hat und ich begann damit, Elektrodenanlagen zur Muskelentspannung mit niederfrequenten Einzelimpulsen für allerlei Beschwerden am ganzen Körper zu erforschen.

Welche Elektroden?

32 mm Rundelektroden mit Steckbuchsenanschluss.

Geräte und ihre Parameter sind wichtig, tatsächlich übertragen wird die Stimulation jedoch über die Elektroden, denen somit ebenfalls eine sehr wichtige Rolle zukommt. Bevor wir jedoch über die Elektroden selbst sprechen, sollen zuerst Kabel und Anschlussoptionen erwähnt sein:

Elektrodenanlagen

Anoden

Für die Schmerztherapie mit TENS werden Elektroden typischerweise entlang dem Verlauf sensorischer Nerven aufgelegt, die man auch möglichst selektiv zu stimulieren sucht, denn Muskelkontraktionen gelten dabei als unerwünscht. Ganz anders bei der Elektrodenanlage, die wir von Jankelson „geerbt“ haben: hier geht es nur um die  Therapie der Kaumuskeln. 

 

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