Bogentuning 2: Standhöhe, Pfeillänge, Tiller, Nockpunkt

Bison. 50 Meter bergauf, walk-up. Das bedeutet, wenn ich daneben schieße. darf ich den zweiten Pfeil vom Pflog 5 Meter weiter vorne schießen, geht auch der vorbei, schieße ich den dritten aus 40 Meter. „Klack“, der Pfeil ist aus dem Bogen - und geht unter dem Bauch des Bison durch. So stolz ich auf meinen neuen Hoyt Buffalo bin, eine Menge Krach macht er schon!

Zuhause dann die Überraschung: Eine blanke Stelle links außen am Shelf. Es war nicht der Bogen mit seiner tollen Wurfarmaufnahme, auch nicht das Schlagen der Sehne auf die Wurfarme, es war das Anschlagen des Pfeils am Shelf, das den Krach gemacht hat! Obwohl ich seit Tagen „herumtune“, ist mein Bogen miserabel eingestellt und zwar in der Horizontalen und der Vertikalen. Flöge der Pfeil 1 cm höher am Bogen vorbei, läge er im Schussfenster und würde nicht außen am Shelf anschlagen!

Passiert ist das alles, weil ich wahrscheinlich zu viel gelesen habe. Wie toll es ist, wenn sich die Druckpunkte am Bogen und an der Sehne Sehne einander direkt gegenüber liegen, so das man den Tiller auf „0“ stellen kann. Mir tat eh nach mehreren Dutzend Pfeilen der rechte Nagelfalz am rechten Zeigefinger immer ziemlich weh und ich dachte, das Problem gelöst zu haben, indem ich den Zeigefinger einfach weglasse und „2 under“ schieße.

Dann las ich etwas über „nock travel“, also den Weg, den die Nocke zurücklegt. Einleuchtend, dass dieser Weg möglichst horizontal sein soll, die Nocke also nicht von oben nach unten, höchstens minimal von unten nach oben beschleunigt werden soll, damit die Federn das Shelf passieren. Das ist, was ich inzwischen „vertikales Tuning“ nenne, zunächst aber zum horizontalen Tuning:

Zu allererst muss man das „Archer’s Paradox“ verstanden haben, warum es möglich ist, gerade aus zu schießen, auch, wenn dem eigentlich der Bogen im Wege steht. Die Sehne zieht die Pfeilnocke auf die Bogenmitte zu und (außer, das Schußfenster ist über die Bogenmitte hinaus ausgeschnitten) lässt dadurch die Pfeilspitze weiter und weiter nach links zeigen, je näher sie dem Bogen kommt. Trotzdem kann man treffen, was geradeaus vor dem Bogen steht - ein Paradoxon!

Werner Beiter war einer der großen Tüftler im Bogensport. Schon in den 90-er Jahren hat er mit Hochgeschwin-digkeitskameras, durch die Film mit 5000 Bildern pro Sekunde raste, alle Aspekte des Bogenschießens studiert. Seine Webseite wurde seit seinem Tod 2014 von seiner Familie weiter betrieben ist inzwischen leider aber offline. Seinen Videoclip, der mir das „Archer’s Paradox“ am besten verdeutlicht hat, findet man aber noch auf Youtube. In der Folge gehe ich von einem rechtshändigen Schützen aus, der den Bogen links hält.


Hier sehen wir einen super-sauber abgestimmten Bogen. Der Pfeil macht keinerlei vertikale Oszillationen und wickelt sich im Flug geradezu um den Bogen herum. Besonders folgende Phasen sind wichtig:

1. Ablass


Beim Loslassen mit der rechten Hand rollt die Sehne notgedrungen nach links über die Fingerkuppen. Der ausgezogene Pfeil liegt nahe seiner Spitze unten und rechts an der Pfeilauflage bzw. am Shelf an und biegt sich konvex auf die Mitte zu. Ganz wichtig ist jetzt die richtige Pfeillänge, denn, wenn die Spitze vorne deutlich über den Bogen hinausragt, nimmt der Pfeil womöglich bereits in dieser Phase eine S-Form an, bei der seine Spitze nicht nach links, sondern nach rechts zeigt. Der einen Schwingung würde eine zweite aufgelagert, was besonders bei langem Auszug und höheren Zuggewichten das Tunen des Bogens sehr erschweren würde.

Schlägt der Pfeil in dieser Phase am Schussfenster an, so entsteht der Kontakt wahrscheinlich vor der Mitte des Schaftes und der Pfeil prallt nach links ab, möglicherweise mit der Sitze nach links, was beim Rohschafttest dann eine Trefferlage links mit der Nocke nach rechts zeigend ergeben würde. 


2. Krümmung


Jetzt schnellt die Pfeilbiegung zurück und formt eine konkave Biegung um den Bogen herum. Es ist eine Frage des Timings und muss im richtigen Moment passieren. Wie viel sich der Pfeil verbiegt, ist eine Frage seiner Steifheit, seines Spine-Wertes. Je höher dieser Wert, desto stärker biegt er sich durch. Jedoch ist auch von entscheidender Bedeutung die Frequenz, mit der er oszilliert und das ist wiederum maßgeblich auch eine Frage der Schaftlänge. Ist der Schaft zu lang und schwingt zu langsam, so ist das Schaftende noch auf dem Weg nach rechts, während es das Schussfenster passiert. Der Kontakt wird nun hinter der Pfeilmitte erfolgen und Pfeil und insbesondere Pfeilende prallen nach links am Bogen ab. Beim Rohschafttest wird, je nach Kontaktstelle, womöglich der ganze Schaft nach links geworfen und sitzt auf kurzen Distanzen unter 10 Meter links vom Ziel mit der Nocke nach links zeigend in der Scheibe. Auf längere Distanzen wird er sich den Weg des geringsten Luftwiderstands suchen und nach rechts segeln. Dann steckt er rechts vom Ziel in der Scheibe und seine Nocke zeigt nach links. Mit einer solchen Fehlabstimmung wird man bei den unterschiedlichen Schussdistanzen bim 3D-Schießen seine liebe Mühe haben!

Jetzt spielt auch die Standhöhe des Bogens eine wichtige Rolle, wann genau die Sehne die Pfeilnocke freigibt. Da der Pfeil horizontal oszilliert, gibt die Sehne der Nocke einen seitlichen Impuls, wenn sie sie zu lange festhält. Vielmehr sollte die Sehne sich von der Nocke genau in dem Moment lösen, wo diese die Bogenmitte durchquert, nicht früher und nicht später!


3. Passage

 

Die Plastikvanes des Pfeils passieren den Bogen mit viel Abstand, nichts streift, während sich die vordere Hälfte des Pfeils schon wieder in der Gegenschwingung befindet.

Daraus ergeben sich die Prioritäten beim Bogentuning:

  1. Freie Passage: Nach dem Ablass darf kein Kontakt zwischen Pfeil und Bogen mehr stattfinden! Abpraller am Schussfenster überlagern das Schussbild und führen zu Fehldiagnosen (wie in meinem Fall, dass der Schaft angeblich zu steif sei). Pfeile können nur nach links, oder nach oben abprallen. Schlägt der Pfeil mit seiner vorderen Hälfte auf, wird er nach links deflektiert und Rohschäfte stecken dann links vom Ziel in der Scheibe, während ihre Nocken nach rechts zeigen. Hier sollte man einen weicheren Pfeil probieren. Schlägt der Pfeil mehr am Schaftende an, so wird er ebenfalls nach links geworfen, aber mit dem Schaftende mehr, als der Spitze. Der Rohschaft liegt dann schräg in der Luft, mit seiner Nocke nach links. Auf kurze Distanzen steckt er links vom Ziel in der Scheibe, zwischen 6 und 12 Metern mittig, darüber hinaus aber dann rechts. Jedoch zeigt seine Nocke stets nach links. Wenn ich mir sicher bin, dass der Spinewert stimmt, kürze ich einen Rohschaft in ½“ Schritten, jedoch nie so weit, dass die Gefahr besteht, die Spitze ganz aufs Shelf zu ziehen (und schon gar nicht dahinter!). Das Anschlagen des Schaftes am Bogen kann man hören und mit Farbe bzw. weißer Zahnpasta auch gut sichtbar machen. Dieses Problem muss als erstes gelöst werden!
  2. Standhöhe ausschießen: Hierfür stelle ich den Tiller nahe „0“, sonst muss man nach jedem Ein- und Ausdrehen der Sehne den Nockpunkt neu einstellen. Zunächst gehe ich 1-2 cm unter die vom Hersteller angegebene Untergrenze für die Standhöhe. Der Bogen schießt laut, vielleicht trifft die Sehne den Bogenarm zwischen Ellenbogen und Handgelenk. Auch in dieser Phase schieße ich jeweils 1 befiederten Pfeil und 3 Rohschäfte und vergleiche die Trefferlage bei unterschiedlichen Standhöhen. Diese verändere ich zunächst in Schritten von jeweils 5 Umdrehungen, um die ich die Sehne stärker eindrehe, bis der Bogen leiser wird. Ab dann in Schritten von 2 Umdrehungen, bis ich die höchste Trefferlage auf der Scheibe erhalte: Nun wird am meisten Energie auf den Pfeil übertragen und gleichzeitig fließt am wenigsten Energie in die Produktion von Krach, oder Vibration. Auf die Umdrehung genau, oder gar auf eine halbe Umdrehung, bedarf es einer sehr konstanten Schusstechnik, um Unterschiede erkennen zu können!
  3. Tiller ausschießen: Auch hierfür bedarf es einer sehr konstanten Schusstechnik, denn die Unterschiede in der Trefferlage und Rohschaftausrichtung sind klein. Im Zweifelsfalle stelle ich einen eher kleinen Tiller ein, denn ich lege den Druckpunkt meiner Bogenhand lieber so hoch als möglich und greife die Sehne zwischen Zeige- und Mittelfinger. Nennenswerten Druck auf dem Ringfinger übe ich nicht aus. Er kann anliegen, zieht aber nur wenig. Den Druck der Sehne gleiche ich inzwischen hauptsächlich mit der Zeigefingerspannung so aus, so dass erst kein Sehnenwinkel entsteht, der mir den Zeigefinger von oben auf die Pfeilnocke presst. Im Zweifelsfalle stelle ich den Tiller auf ⅛“.
  4. Nockpunkt ausschießen: Ich starte mit dem Nockpunkt im rechten Winkel. Wenn der Rohschaft nicht auf dem Shelf aufschlägt, steckt er dann über den befiederten Pfeilen in der Scheibe und zwar mit den Nocken nach unten. Nun erhöhe ich den Nockpunkt millimeterweise, bis die Rohschäfte parallel zu den befiederten Pfeilen stecken, vielleicht auch mit den Nocken minimal höher.
  5. Feintuning: Da es kaum einen Faktor gibt, der nicht durch andere beeinflusst wird, versuche ich jetzt, die Standhöhe geringfügig zu variieren (1-3 Umdrehungen), bis meine Treffergruppen am kleinsten werden. Ditto mit dem Tiller.


Ziel ist es für mich, mit möglichst wenig überhöhtem Nockpunkt einen ordentlichen Rohschaftflug zu erreichen und die Rohschäfte möglichst nahe an den befiederten Pfeilen zu platzieren. Sicherehitshalber sollte man das auch noch bei einer kürzeren Distanz unter 10 Meter und einer längeren (30 Meter) kontrollieren.



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