Schusstechniken

Das Schießen mit Pfeil und Bogen geht bis in die Steinzeit zurück, die Menschheit hat in diesem Bereich einen riesigen Erfahrungsschatz angehäuft! Im Laufe der Jahrtausende wurden die unterschiedlichsten Bogenarten und Schusstechniken entwickelt und für verschiedene Einsatzzwecke optimiert. Gegenwärtig ist der Trend zurück zum „Barebow“ recht ausgeprägt, also dem Schießen mit möglichst wenigen technischen Hilfsmitteln. Meist hängen die Anhänger ihrer Stilart an und blicken eher verächtlich auf die „anderen“. Dabei könnten alle aus einem Austausch ungemein viel lernen!

Tab

Hi-Tech Tab aus dem olympischen Bogensport mit vielfachen Einstel-lungen der Auflagen für den Daumen, den kleinen Finger und den Finger-Separator. 

Am weitesten ist die Evolution beim olympischen Scheibenschießen fortgeschritten. Hier wurde im Laufe der vielen Jahre für jede Problemstellung beim Bogenschießen eine technisch perfekte Lösung gefunden. Verreißen des Bogens beim Lösen der Sehne? Stabilisatoren tragen Gewichte an langen Stangen, welche zu einer hohen Massenträgheit des Bogens führen, so dass dieser beim Lösen der Sehne völlig still bleibt. Unterschiedliches Zuggewicht durch leichte Variablen beim Auszug? Klicker lassen den Schützen bis auf den Millimeter genau wissen, wann sein Standardauszug erreicht ist. Unerwünschte Interaktionen zwischen einem sich bei der Beschleunigung verbiegenden Pfeil und dem Bogen? Moderne Pfeilschäfte weisen ein innerhalb engster Grenzen konstantes Biegeverhalten („Spine“) auf und ein gedämpfter „Button“ stellt nicht nur den Pfeil optimal im Schussfenster des Bogens ein, sondern federt dessen Verbiegung beim Abschuss einstellbar ab, dämpft dadurch seine Schwingung und führt sehr schnell einen ruhigen Pfeilflug herbei. Und, natürlich gibt es neben vielen anderen Details auch eine einstellbare Zielvorrichtung, welche dem Schützen ein konstantes Feedback darüber gibt, wie er gerade seinen Bogen hält. 

Selbst das Tab, der Fingerschutz für die Sehnenhand, wird zum technischen Kunstwerk: Ein einstellbarer Finger-Separator sorgt dafür, dass der Pfeil beim Ausziehen nicht zwischen Zeige- und Ringfinger eingeklemmt wird. Das würde im Laufe der Zeit zu Verletzungen führen, würde aber vor allem das Loslassen des Pfeils inkonsistent machen. Eine einstellbare Auflage für den eigentlich unbeteiligten kleinen Finger stellt eine gleichbleibende Anlage des Ringfingers an der Sehne sicher. Eine einstellbare Daumen- oder Kinnauflage am Oberrand des Tabs definiert die Ankerposition beim Auszug noch präziser.

Barebowschützen haben für derlei aufwändige Technik meist nur ein müdes Lächeln übrig und doch lohnt sich das genauere Hinsehen. Die prinzipiellen Problemstellungen beim Bogenschießen sind nämlich für alle gleich, die Frage ist lediglich, ob man versucht, diese technisch, oder mental zu lösen. Jedoch muss der olympische Schütze auch erheblich größere Distanzen beherrschen, denn 70 und 90 Meter gehören hier zum Protokoll. Ein 20-Meter-Schuss, der nicht im Zentrum der Scheibe sitzt, würde über 90 Meter die Scheibe vollständig verfehlen! Auch wenn man nicht vor hat, über 90 Meter zu schießen, tut man daher gut daran, sich ein wenig in der Trickkiste derjenigen umzusehen, die dies erfolgreich tun, damit wichtige Faktoren beim Bogenschießen nicht aus dem Fokus geraten.

Intuitiv Schießen, also sich beim Zielen ganz auf sein Gefühl zu verlassen, funktioniert hauptsächlich auf kürzere Distanzen gut. Der Anfänger ist bemüht, dieses Gefühl zunächst für bis zu 10 Meter zu entwickeln und danach auf 15 und 20 Meter auszudehnen. Danach hat die Flugkurve des Pfeils bereits einen erheblichen Einfluss und, ob man sein Ziel trifft, oder nicht, hängt auch davon ab, ob man bergauf, oder bergab schießt und die Distanz überhaupt richtig einschätzt. Bei den meisten Schützen konnte unser „Supercomputer“, das Gehirn, eine Menge Daten für Schüsse bis zu 20 Meter sammeln und in Form eines motorischen Gedächtnisses auswerten. Schüsse über 40 Meter kommen im Vergleich dazu nur selten vor und unser Gehirn hat dazu kaum Daten. Zudem verschätzen wir uns auch umso öfters, je größer die Distanz ist.

Hier haben Barebowschützen diverse Techniken entwickelt, um vorhersehbarer schießen zu können:

  • Three Under: Statt mit dem mediterranen Griff mit dem Zeigefinger über und dem Mittel- und Ringfinger unter dem Pfeil wird die Sehne mit allen drei Fingern unter dem Pfeil gegriffen. Dies führt dazu, dass beim Anker der Pfeilschaft dichter unter dem Auge des Schützen zu liegen kommt und - bewusst, oder unbewusst - als Zielhilfe benutzt werden kann.
  • String Walking: Statt die Bogensehne immer am gleichen Fleck zu greifen, geschieht dies in Abhängigkeit zur Distanz etwas weiter oben, oder unten, wodurch sich die Ausrichtung des Bogens in der Vertikalen entsprechend ändert. Manch ein Schütze hat sich an seiner Mittenwicklung seiner Sehne unterschiedliche Distanzen mit verschieden farbigen Fäden markiert. Er braucht nurmehr den Entfernungsbereich richtig einschätzen, die Sehne an der dazu gehörigen Stelle zu greifen und kann unterschiedliche Distanzen vorhersehbar schießen, obwohl er immer gleich zielt.
  • Face Walking: Beim String Walking verändert man das Tuning des Bogens, weil die Sehne unterschiedlich weit unterhalb des Pfeils gezogen wird. Beim Face Walking wird dies vermieden, indem man die Sehne an einem konstanten Punkt greift und statt dessen seinen Anker variiert. Dieser wird bei kürzeren Schüssen höher gewählt, z. B. mit dem Zeigefinger unter dem Jochbein und bei langen Schüssen tiefer, z. B. mit dem Daumen unter dem Kinn. Auch dies verändert die Ausrichtung des Bogens in der Vertikalen.
  • Gap Shooting: Würde man die Spitze des ausgezogenen Pfeils mit der Zielmitte in Deckung bringen und den Pfeil dann lösen, so würde er vermutlich weit über das Ziel fliegen. Warum?
    Beim typischen Anker im Bereich des Mundwinkels liegt die Pfeilnocke etwa eine handbreit unterhalb des Auges. Man muss den Bogen um diesen Bereich nach oben kippen, um die Pfeilspitze im Ziel zu sehen, der Pfeil liegt nicht horizontal, sondern zeigt nach oben! Je nach Pfeilgeschwindigkeit  gleicht sich das erst bei einer Distanz um die 40 Meter wieder aus, wo dieses „Vorhalten“ um eine Handbreit der Flugkurve des Pfeils entspricht. Ist die Distanz kürzer, so muss man einen Spalt (engl. „Gap“) zwischen dem Ziel und der Pfeilspitze lassen, der umso größer sein muss, je kürzer die Distanz ist.


All diese Tricks nützen nichts, wenn man seine Schusstechnik ständig variiert. Dies kann bewusst erfolgen, oder unbewusst, weil man nicht gleichmäßig ankert, den Anker vor dem Lösen der Sehne verlässt („creeping“), die Sehne beim Lösen unterschiedlich auslenkt, oder den Bogen  dabei verreißt, weil man ihn zu stark, oder verkrampft greift. Solche Variablen führen dazu, dass das Gehirn keine stetigen Daten zu bestimmten Schuss-Situationen sammeln kann, woraus das Gefühl erwächst, da für einen guten Schuss eine gehörige Portion Glück erforderlich ist. Drei Knackpunkte sind sicherlich

  1. ein konstanter Auszug (konstanter Anker),
  2. Konstanz beim Loslassen der Sehne,
  3. korrektes Bogen- und Pfeiltuning.


Diese sollen in separaten Beiträgen noch eingehend beleuchtet werden!



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