Bogentuning, Tiller und Reihenfolge

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Die Überschrift ist irreführend, denn beim Tuning des Bogens geht es um weit mehr, als nur den Bogen! In der Tat wirken drei Komponenten beim Bogenschießen zusammen und bedingen sich gegenseitig:

  • Der Schütze
  • Der Bogen
  • Der Pfeil


Wie wichtig der erste Faktor ist, wurde mir einmal bewusst, als ich in unserem Verein Hallendienst machte und einige Zeit alleine war. Gute Gelegenheit, um einmal die Rohschäfte zu schießen, die da am Schrank lehnen, 300, 400 und 500 Spine. Rohschäfte haben keine Federn, die den Flug korrigieren und nicht sauber fliegende Pfeile werden dadurch sehr deutlich erkennbar. Zunächst bestätigte sich meine Erwartung: Meine Pfeile hatten einen 500-er Spine und die 500-er Rohschäfte flogen klar am geradesten. Die 400-er schon erkennbar schief und die 300-er miserabel.

Der Zufall zeigte es mir dann. Den Spinewert konnte ich nämlich nur mit Brille lesen, ansonsten sahen alle Schäfte gleich aus. Beim Pfeile hohlen stellte ich irgendwann fest, dass ich offenbar Schäfte vertauscht hatte. Es steckten auch 400-er Schäfte kerzengerade in der Scheibe und 500-er schief! Also beschloss ich den Blindtest zu machen, mixte die Schäfte und wusste jeweils nicht, was ich gerade schoss. Das anfangs so schön geordnete Bild war dahin! Einzig die 300-er flogen generell nicht gut, aber zwischen den 400-ern und 500-ern war kein klarer Unterschied mehr zu erkennen. Mal steckte der eine schief, mal der andere. Was war da los?

Die einzige Variable war ich selbst. Ofenbar hatte ich anfangs, als ich wusste, welchen Schaft ich gerade eingenockt hatte, bei den 500-ern in der Erwartung eines geraden Pfeilfluges etwas gemacht, was ich bei den 400-ern dann verändert hatte. Was auch immer diese Änderung war, offenbar floss sie beim Blindtest dann eher zufällig ein. Es ging schlicht und ergreifend darum, wie ich den Pfeil losließ und das war mindestens ebenso wichtig, wie eine kleine Abweichung in dessen Steifheit. Die Geburt einer für mich neuen Übung:

Versuche, etwas zu steife Rohschäfte zu einem möglichst geraden Pfeilflug zu bringen!
(Und übe dabei einen optimalen Ablass).

Bogentuning geht also ohne Schützen- und Pfeiltuning nicht. „Tuning“ kommt eigentlich von Musikinstrumenten und heißt so viel, wie „stimmen“. Es ergibt wenig Sinn, ein gutes Instrument zu verstimmen, nur, damit es bei einem schlechten Spieler vielleicht etwas besser klingt. Ebenso kann man zwar einen Bogen auf eine schlechte Schusstechnik abstimmen, aber dann leistet er nicht mehr das, wozu er eigentlich fähig ist. Ein gut getunter Bogen erfordert keine schlechte Schusstechnik, sondern schießt ideal bei einer guten Technik und verzeiht dabei kleinere Fehler so gut als möglich.


Den Tiller verstehen

Der Tiller ist eigentlich die Ruderpinne in einem kleinen Boot, um dieses auf einem geraden Kurs zu halten. Hat man z. B. links und rechts je zwei Mann auf der Ruderbank sitzen und das rechte Team pullt stärker, so würde das Boot einen Bogen nach backbord (links) fahren, aber der Mann an der Pinne, oder dem Tiller, kann gegensteuern, so dass es gerade fährt. Ideal ist das nicht, weil dadurch mehr Wasserwiderstand entsteht, der das Boot bremst.

Beim Bogen steuert der Tiller gegen, wenn der obere und untere Wurfarm asymmetrisch zueinander ausgezogen werden. Je größer der Tiller, umso asymmetrischer ist die Vorspannung der Wurfarme, was prinzipiell nicht erstrebenswert ist. Warum den Bogen nicht einfach symmetrisch ausziehen? Weil man sich dann den Pfeil durchs Handgelenk stecken müsste ;-). Man muss die Bogenhand zwangsweise unterhalb des Pfeils am Bogen abstützen, deswegen entsteht Asymmetrie und deswegen ist der Tiller bei vielen Bögen einstellbar.

Würde man den Bogen an seiner Sehne fixieren, so wäre erkennbar, dass man durch Veränderung des Tillers im Grunde das Griffstück in einen Winkel zur Sehne stellt. Oft wird davon gesprochen, dass dadurch der Bogen beim Ausziehen nach oben oder unten auswandere. Ich kann das nicht nachvollziehen: Wenn ich am Griffstück einen Laserpointer befestige, so bleibt der Laser beim Ausziehen auf dem Ziel, egal, wie ich den Tiller einstelle. Es mag Schützen geben, die eine so perfekte Form haben, dass sie immer gleich ausziehen, egal, was der Bogen in ihren Händen macht - ich kompensiere offenbar eine Veränderung des Tillers unbewusst beim Auszug.

Entscheidend dürfte etwas ganz anderes sein: Beim Auszug wird die Kraft an zwei Punkten verankert, am Griff des Bogens und da, wo die Sehne gegriffen wird. Nach dem Lösen der Sehne wirkt die Kraft hingegen zwischen zwei anderen Punkten, den Bogenenden und der Pfeilnocke, denn es sind die Bogenenden, die nun die Sehne wieder gerade ziehen und die Trägheit des Pfeils leistet dagegen Widerstand. Je weiter entfernt man die Sehne von der Pfeilnocke greift, desto größer ist die Diskrepanz zwischen den Punkten, an denen Zug- und Schubkräfte agieren. Das Umspringen zwischen diesen Punkten führt zu Schwingungen in der Sehne und erschweren das Tuning für einen sauberen Pfeilflug. Das ist auch der Grund, warum ich nach einem Ausflug in das „3 Under-Schießen“, gar noch mit besonders viel Zug auf dem Ringfinger, wieder zum mediterranen Split-Finger-Griff zurückgekehrt bin. Verlockt dazu hatte mich die Vorstellung, dass man die Sehne möglichst gegenüber dem Druckpunkt am Griff ausziehen sollte, aber der spielt nach dem Loslassen des Pfeils keinerlei Rolle mehr und das sowieso für mich schon schwierige Tuning meines Hoyt Buffalo wurde unbeherrschbar. Anzumerken sei, dass irgendwie alles geht: Obwohl das Pfeilende außen am Shelf des Buffalo abprallte, konnte ich einigermaßen damit schießen, hatte aber Schwierigkeiten dabei, Konstanz zu entwickeln.

Man vergleiche diesen Pfeilflug mit dem eines sauber getunten Bogens!


Wird die Sehne also gelöst, so springt der Ankerpunkt der Kraft um, von dem Punkt, an dem sie ausgezogen wurde, auf die Pfeilnocke, die jetzt gegen die Massenträgheit des Pfeils beschleunigt werden muss. Diese Beschleunigung sollte auf einem Weg mit möglichst wenig vertikaler Abweichung erfolgen. Höchstens soll die Pfeilnocke ganz wenig angehoben werden, damit das Pfeilende im Schussfenster passiert und nicht außen am Shelf anschlägt. Ganz sicher soll aber die Pfeilnocke nicht nach unten bewegt werden, was zum Aufprall des Pfeilendes auf dem Shelf führen würde. Dabei würde das Pfeilende nach oben abprallen und man wird beim Einstellen des Nockpunktes verzweifeln, weil dieser eigentlich gar nicht zu hoch liegt, diverse Tests aber so aussehen! 

Was also letztlich entscheidend ist, das ist der Weg, den die Sehne am Nockpunkt zurücklegt, während der Bogen zurückschnellt. Man stelle sich den maximalen Tiller vor, bei dem die untere Hälfte des Bogens starr ist und sich nur der obere Wurfarm biegt. Beim Auszug würde dessen Spitze einen Kreis nach hinten unten beschreiben, denn die Länge der Sehne bleibt konstant und sie wird unten ja fixiert. Der Nockpunkt würde beim Ausziehen ebenfalls nach unten bewegt und beim Lösen dann zurück nach vorne oben schnellen. Je mehr Tiller, desto größer der Vektor, mit dem die Pfeilnocke nach oben getrieben wird. Die Vergrößerung des Tiller und die Überhöhung des Nockpunktes haben also eine ganz ähnliche Wirkung. Da die Energieübertragung auf die Pfeilnocke nahe der Sehnenmitte am effizientesten ist, wäre daher eine sinnvolle Strategie beim Bogentuning, den Nockpunkt so wenig als möglich zu überhöhen (z. B. 2-3 mm) und das restliche Tuning des Pfeilfluges durch die Einstellung des Tillers zu versuchen. Erst, wenn dies nicht ausreicht, würde man den Nockpunkt dann in kleinen Schritten höher setzen, bis man in den Bereich kommt, in dem man mit der Einstellung des Tillers den Bogen tunen kann. 

Schützentuning: Je mehr die Schusstechnik die Asymmetrie vergrößert, desto weiter entfernt man sich vom Ideal. Besonders ungünstig wäre z. B. das Abstützen am Bogen mit dem Handballen („low wrist“) in Kombination mit einem besonders hohen Nockpunkt. Es mag sein, dass man den hohen Nockpunkt braucht, damit der Pfeil im Flug nicht auf dem Shelf aufschlägt, aber dann wäre man besser beraten, seinen Griff ebenfalls zu ändern und den Bogen weiter oben zwischen Daumen und Zeigefinger abzustützen.

Man kann man den Bogen auch komplett außerhalb der Mitte ausziehen. Ja, man könnte ihn sogar am unteren Wurfarm greifen und gegenüber davon die Sehne! Dann würde man fast nur den unteren Wurfarm arbeiten lassen, während sich der obere kaum biegt. Niemand würde auf eine so verrückte Idee kommen, aber beim „String Walking“ mit „3 Under“ bewegt man sich in diese Richtung und sollte prüfen, inwieweit dies zielführend ist. Natürlich entscheidet am Ende die Trefferlage und wenn man es schafft, einen Fehler mit einem anderen auszugleichen, wird man sich ungern auf etwas Neues einlassen!


Bogentuning

Die meisten Tuninganleitungen empfehlen, den Tiller zuerst einzustellen, danach die Standhöhe und dann den Nockpunkt setzen. Für meinen Buffalo hat das nicht funktioniert und ich durfte mich über viele Wochen mit einem „Shelf-Slap“, einem Anschlagen des Pfeils am Shelf, herumärgern. Ärgerlich dabei war, dass der Pfeil seitlich am Shelf anschlug, dadurch einen Kick im hinteren Drittel erhielt, der ihn komplett nach links aus der Flugbahn warf, jedoch mit der Nocke mehr, als mit der Spitze. Auf 10 Meter und weniger landeten die Schäfte somit links auf der Scheibe und obendrein zeigte die Nocke nach links. Ein Pfeil, der links vom Ziel in der Scheibe steckt, ist normalerweise zu steif, jedoch sollte dabei eigentlich die Nocke nach rechts zeigen. Eine Nocke, die nach links zeigt, findet man hingegen bei einem zu weichen Pfeil. Das Rätsel begann sich erst zu lösen, als ich im Garten über 20 Meter schoss und beobachten konnte, wie der Rohschaft durch das Anschlagen seitlich am Shelf nach links geschleudert wurde, dann aber nach rechts segelte, weil er schräg in der Luft lag. Bei 12 Metern Distanz kreuzte er die Mittellinie und das ist genau die Distanz, auf die ich beim Hallentraining recht gut getroffen hatte. Bei 20 Metern und darüber schlug er aber deutlich rechts vom Ziel in der Scheibe ein.

Daraus ergibt sich eine wichtige Erkenntnis, die es uns erspart, auswendig lernen zu müssen, zu welcher Seite hin ein Pfeil abweicht und nach welcher Seite schief er in der Scheibe steckt:

Ein Pfeil folgt immer seiner Spitze!

Ein zu steifer Pfeil biegt sich nicht genügend um das Griffstück herum, fliegt daher nach links und steckt mit seiner Nocke nach rechts in der Scheibe. Ein zu weicher Pfeil biegt sich zu weit um den Griff, fliegt nach rechts und steckt mit der Nocke nach links in der Scheibe.


Reihenfolge

Die Details müssen noch besprochen werden, aber hier ist nach mehreren Hundert Pfeilen, die ich  durch meinen Buffalo gelassen habe, die Reihenfolge, die sich als erfolgreich herausgestellt hat:

  1. Tiller auf 0, höchstens auf ⅛“ (2-3 mm). Ansonsten muss man später ständig den Nockpunkt nachjustieren, wenn man die Standhöhe ändert. Den Nockpunkt ebenfalls eher tief setzen, 2-3 mm über dem Lot auf die Sehne.
  2. Standhöhe einstellen: Das passiert durch die Änderung der Sehnenlänge (durch Ein- und Ausdrehen der Sehne). Dabei geht es darum, dass der Bogen seine Energie optimal auf den Pfeil überträgt und ihn genau im richtigen Moment loslässt. Am besten erkennt man das zunächst daran, dass der Bogen so leise als möglich schießt. Um sich auf Ablass und Geräusch konzentrieren zu können, kann man auch mit Gummispitzen mit gleichem Gewicht auf ein Fangnetz schießen, vielleicht gar mit geschlossenen Augen!
  3. Tiller genau einstellen, möglichst mittels Pfeil- und Rohschaftvergleich („Planing-Test“), so, wie dies gewöhnlich zum Ausschießen des Nockpunktes empfohlen wird.
  4. Bei Bedarf den Nockpunkt höher setzen und Punkt 3 wiederholen.



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