Welchen Bogen?


Der einfachste Bogen ist ein Stecken, der mit einer Sehne in eine Vorspannung gebracht wird. Will man mehr, muss man den Stecken mehr und mehr modifizieren, so dass er ein höheres Zuggewicht beim Ausziehen entwickeln kann, ohne zu zerbrechen. Bei einem Bogen erhöht sich das Zuggewicht (gewöhnlich gemessen in britischen Pfund), je weiter er ausgezogen wird. Wenn man somit von einem bestimmten Zuggewicht spricht, ist der Auszug wichtig, bei dem es erreicht wird. Bei Bögen „von der Stange“ sind das meist 28 Zoll und meist ist dies auf dem Bogen auch vermerkt. 

Je nach Steifheit des Bogens erhöht sich in diesem Bereich das Zuggewicht um 5% mit jedem zusätzlichen Zoll Auszug. Wenn ein Bogen bei 28“ Auszug z. B. 40# Zuggewicht hat, so dürften es bei 29“ Auszug um die 42# sein. Jedoch geht das nur bis zu einem gewissen Punkt, ab dem die dafür nötige Kraft sprunghaft ansteigt. Man spricht hier von „Stacking“, der Bogen „macht zu“. Generell versucht man einen Bogen zu vermeiden, den man bei seinem Auszug ins Stacking bringt, denn nicht nur ist dann das Ausziehen unnötig anstrengend, auch die Genauigkeit des Bogens leidet und es wird schwer, damit vorhersehbar zu schießen. Ein wichtiger Faktor beim Stacking ist der Sehnenwinkel, denn es tritt meist ab dem Punkt auf, bei dem der Winkel zwischen Bogenende und Sehne sich 90° nähert.

Beim Langbogen lässt sich das Stacking am besten vermeiden, indem man ihn einfach lang genug wählt. Je länger der Bogen, desto kleiner der Sehnenwinkel bei einem gegebenen Auszug. Im Mittelalter wurde viel mit Langbögen geschossen und es war Durchschlagskraft gefragt. Vom 1545 gesunkenen Kriegsschiff „Mary Rose“ des King Henry VIII konnten Hunderte von Kriegsbögen geborgen werden. Im Mittel wiesen sie ein Zuggewicht von 140 Pfund auf, aber es waren auch welche mit bis zu 180 Pfund darunter. In Japan favorisierte man einen anderen Schuss-Stil mit einem Auszug bis hinter das Ohr. Kein Wunder, dass der „Yumi“, der japanische Langbogen, mit bis zu 2 ½ Metern zu den längsten der Welt zählt. Was auf einer Burgmauer, oder einem Kriegsschiff kein Problem war, störte aber bei der Jagd, oder auf einem Pferderücken empfindlich, denn dort sind derart lange Bögen extrem unhandlich und ständig im Weg. Beim 3D-Schießen ist dies nicht viel anders, denn immer wieder findet man sich in Schusspositionen, bei denen überhängende Ästen etc. einen langen Bogen stören.

Wo es auf Mobilität ankam, entstanden daher bald andere Bogenformen. Beim Recurvebogen weisen die Bogenenden nach vorne und beim Auszug rollt die Sehne darauf ab, so dass sich der Sehnenwinkel erst relativ spät überhaupt erst zu öffnen beginnt. Dem entsprechend kann man einen Recurve bei gleicher Länge viel weiter ausziehen, bis der kritische Sehnenwinkel erreicht wird bzw. bei gleichem Auszug einen deutlich kürzeren Bogen verwenden, ohne ihn ins Stacking zu ziehen. Dabei haben kürzere Bögen auch den Vorteil, dass sie bei gleichem Auszug meist eine höhere Pfeilgeschwindigkeit erzeugen.

Für den modernen Bogenschützen gibt es aber auch andere Kriterien, z. B. ob man gerne primitiv schießen möchte, oder lieber die Möglichkeiten der modernen Technik nutzt. Die gehen inzwischen bis hin zum Compoundbogen, wo mit einem Seilzugsystem und Exzenterrollen die Haltekraft auf den Fingern bei vollem Auszug auf ⅕ der Maximallast verringert wird, so dass man auch einen starken Bogen mühelos halten kann - und das bei sehr kompakten Abmessungen.

Die meisten angehenden 3D-Schützen dürften als erstes einen Recurve in die Hand bekommen. Möchte man sich dann einen eigenen Bogen kaufen, welchen soll man wählen? Als erstes stellt sich die Frage, ob es ein einteiliger Bogen sein soll, oder ein „Takedown“, meist ein Dreiteiler mit einem Mittelstück, an dem zwei Wurfarme befestigt sind. Beim einteiligen Bogen obliegt die Abstimmung des gesamten Bogens dem Bogenbauer. Versteht der sein Handwerk, so hat man einen Bogen, an dem man nicht viel verstellen kann und der bei guter Pflege lange und zuverlässig schießt. Beim Takedown kann man ein Griffstück mit unterschiedlichen Wurfarmen kombinieren und kann durch Austauschen der Wurfarme das Zuggewicht und die Eigenschaften des Bogens verändern. Jeder Hersteller bietet verschieden starke Wurfarme an, aber u. U. kann man auch die Wurfarme eines anderen Herstellers verwenden. 

Eines der günstigsten ILF-Griffstücke aus Holz ist das Ragim Black Buffalo.

Besonders flexibel ist man hier mit dem ILF (International Limb Fitting) Stecksystem, für das praktisch jeder Hersteller Griffstücke und Wurfarme anbietet. Dieser Name etablierte sich erst im Laufe der Zeit, aber das Patent dafür wurde 1985 der Firma Hoyt Archery erteilt, die es „HDS“ (Hoyt Dovetail System) nennt. Lange Jahre war das ILF System hauptsächlich im olympischen Scheibensport etabliert, jedoch bieten die meisten Hersteller für den schnell wachsenden 3D Markt inzwischen auch „Barebow“ Versionen an, so dass die erhältliche Vielfalt schon heute recht unübersichtlich ist. Beim Griffstück sollte man vor allem auf ein niedriges Schussfenster achten, denn hier wird meist über das „Shelf“ geschossen, eine Auflage gleich über dem Griff. Auch sollte dieses eine abgerundete Form aufweisen (engl. „radiused“), damit die Kontaktfläche zum Pfeil nicht zu groß ist. Bei den Wurfarmen gibt es alle erdenklichen Materialien und Zuggewichte, aber auch unterschiedliche Formen. So kann man aus einem Recurve auch einen Langbogen machen, einfach durch den Austausch der Wurfarme! 

Der „Saber“ von Martin Archery ist ein gutes Beispiel für eine Reflex-Geometrie. So erreicht dieser Bogen, der in den USA für weniger als ⅓ des Preises eines Hoyt Buffalo zu haben ist, mit einfachen Holfzwurfarmen die gleiche Pfeilgeschwindigkeit!

Die Griffstücke (engl. „Riser“) unterscheiden sich hauptsächlich in ihrer Geometrie und Griffführung. Bei der Geometrie unterscheidet man zwischen „deflex“ und „reflex“. Entscheidend hierfür ist der Druckpunkt (tiefste Einziehung) am Griff gegenüber den Auflagepunkten der Wurfarme (engl. „limbs“). Liegen diese hinter dem Druckpunkt am Griff, so hat man einen gutmütigen Deflex-Bogen mit etwas mehr Standhöhe (Abstand der Bogensehne zum Druckpunkt), aber etwas weniger Pfeilgeschwindigkeit. Bei der Reflex-Geometrie liegt der Druckpunkt am Griff dagegen hinter der Auflage der Wurfarme, was einen nervöseren Bogen mit niedrigerer Standhöhe und höherer Pfeilgeschwindigkeit ergibt. Dies ist besonders für Schützen mit kurzem Auszug interessant, die dennoch Wert auf eine möglichst hohe Pfeilgeschwindigkeit legen. Die Griffe unterscheiden sich hauptsächlich darin, wie stark sie die Bogenhand führen. Bei einem „High Wrist“ Griff wird die Hand so geführt, dass sie im oberen Teil zwischen Zeigefingerknöchel und Daumen in der Griffmulde anliegt. Viele, die die Sehne mit drei Fingern unter dem Pfeil greifen („3 under“), geben einem „Low Wrist“ Griff den Vorzug. Letzterer lässt sich durchaus auch mit einer High Wrist Handposition schießen, aber nicht anders herum. Neben der Vielfalt sind auch die Einstellmöglichkeiten an einem ILF Griffstück ein Faktor: Vom Tiller (separat einstellbare Vorspannung des unteren und oberen Wurfar-mes über die seitliche Justage der Wurfarme bis hin zur Feinabstim-mung des Zuggewichtes finden sich hier alles. Jedoch kann man dort, wo man viel einstellen kann, auch viel verstellen!

Der „Kodiak“ von Fred Bear Archery in meinem ehemaligen Studienort, Gaunesville in Florida/USA, ist seit einem halben Jahrhundert quasi die Kopiervorlage für Top-Jagdbögen mit Deflex-Geometrie. Auch hier werden hohe Pfeilgeschwindigkeiten erreicht, aber aufgrund  aufwändig konstruierter Wurfarme, statt der Bogengeometrie.

Für den Jagd/3D-Bereich bietet Hoyt ein zweites Steckverbindungssystem an, das „Formula System“. Dieses ist dem HDS/ILF System sehr ähnlich, jedoch haben die Schrauben einen etwas anderen Durchmesser, so dass ILF Wurfarme (zumindest ohne Modifizierung) nicht passen. Auch hat man der Einfachheit zuliebe hier auf einige Einstellmöglichkeiten verzichtet.

Die kostengünstigste Verbindung zwischen Wurfarmen und Mittelstück erfolgt durch eine Verschraubung. Hier hat man meist keinerlei Einstellmöglichkeiten. Für alle Takedowns gilt der Vorteil, dass sie leicht in einer kompakten Tasche transportierbar sind.

Der Slick Stick der Firma Bearpaw ist ein Beispiel eines modifizierten Langbogens, dessen Bogenarme leicht gekrümmt ausgeführt sind und dennoch nicht in einem Recurve münden. Ein anderes Merkmal dieses Bogens ist, dass er durch die Verwendung von Bambus federleicht ist. Das ist nett beim Tragen im Gelände, macht ihn aber auch nervös, denn ein Bogen mit geringem Eigengewicht ist beim Ablass der Sehne schnell verrissen: ein etwas unausgeglichener Fingerdruck am Bogen führt sofort zu einer unkontrollierten Auslenkung des Bogens beim Loslassen der Sehne, wodurch der Pfeil ablenkt wird.

Recurvebögen, besonders Dreiteiler, sind in der Regel deutlich schwerer und liegen beim Schuss daher träger und ruhiger in der Hand. Olympische Scheibenbögen werden mit Zusatzgewichten an Stäben (Stabilisatoren) so ausgeglichen, dass sie beim Schuss möglichst tot in der Hand liegen, d. h. der Bogen reagiert praktisch gar nicht mehr mit einer Rückschlagbewegung auf die Pfeilbe-schleunigung. Erst nachdem der Pfeil den Bogen verlassen hat, kippt er wegen der Gewichte nach vorne über.

Meine eindeutige Empfehlung ist, den Bogenkauf zuerst einmal zurückzustellen und sich lieber eine Ausrüstung zu leihen. Die meisten Fachhändler rechnen den Mietpreis später gerne auf einen Bogenkauf an. Jedoch ist abzusehen, dass sich in der Eingewöhnungsphase sehr viel an der Schusstechnik entwickeln wird. Anfänglich schießt man recht unstet und es ist noch einiges Glück dabei im Spiel, wohin man trifft. Da fällt es noch schwer, die Eigenschaften eines Bogens überhaupt vernünftig zu bewerten. Während der Leihphase lernt man auch „sein“ Auszugsgewicht kennen. Dieses sollte deutlich unter dem liegen, was man maximal ziehen kann. Mit einem gut gewählten Auszugsgewicht kann man etliche Gruppen à 6 Pfeile schießen, ohne zu ermüden. Lösen sich die Treffergruppen hingegen schon nach der zweiten  Pfeilgruppe in Wohlgefallen auf, so zieht man zu viel und sollte lieber einen schwächeren Bogen wählen. Zugstarke Bögen fordern auch die Pfeile mehr, was sich in einer höheren Pfeilbruchrate beim 3D-Schießen niederschlägt. Jedoch finden sich im Internet durchaus Videos, wo auch mit einem 40 Pfund Bogen schon über 70 Meter und größere Distanzen erstaunlich genau getroffen wird. Hier sollte vor allem Mann nicht auf sein Ego hören, sonst kommt es schon mal zu Schulterschmerzen!

Meist wird zunächst zur Anschaffung eines billigen Einsteigerbogens, z. B. von Samick (Korea), oder Ragim (Italien) geraten. Jedoch gehen hier, wie überall, die Meinungen durchaus auch auseinander, denn es gibt auch Profis, die dazu raten, lieber etwas länger abzuwarten und dann gleich zu einem guten Bogen zu greifen, mit dem das Schießen richtig Spass macht und der einem dabei hilft, seine Schusstechnik möglichst schnell zu optimieren. Zum Glück ufern beim instinktiven Bogenschießen die finanziellen Grenzen nicht gar so weit aus. Ein begeisterter Tester schreibt über den Hoyt Tiburon, es sei der beste Bogen für das instinktive Schießen, den man kaufen könne. Andere haben für solche Hersteller-Sets nur ein müdes Lächeln übrig und schwören auf die Kombination ihres TradTech titan III Mittelstücks mit ganz bestimmten ILF Wurfarmen, während wieder anderen das alles viel zu technisch ist. Schließlich hat Byron Ferguson oft gezeigt, dass man mit einem gut gebauten Langbogen ohne allen Schick-Schnack eine Aspirin-Tablette im Flug treffen kann (siehe unten), denn Übung macht den Meister, nicht der Bogen. Allen ist jedoch gemein, dass sie selbst in diesem Hochpreissegment deutlich unter 1000 Euro für ihre Bögen ausgeben. Für ein Drittel davon bekommt man einen ordentlichen Einteiler, wie den Slick Stick und um die 100 Euro kostet ein einfacher, aber ordentlicher Dreiteiler, wie der Samick Polaris. Versucht man es jedoch für deutlich unter 100 Euro, so kann einem blühen, was ich aus eigener Erfahrung kenne: Per Post kommt ein Bogen, mit einer zu kurzen Sehne und zu großer Standhöhe. Die Mittenumwicklung der Sehne liegt falsch herum, so dass man, wenn man, wie gewohnt, das größere Sehnenauge oben am Bogen einhängt, mit den unteren Fingern neben die Umwicklung auf die Sehne greift. Es ist kein Nockpunkt gesetzt (was bei der zu großen Standhöhe auch Unfug wäre), usw. 

Lieber für ein paar Euro mehr eine ausgiebige Beratung mit Probeschießen und korrekter Einstellung des Bogens beim  Fachhändler!


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